UrhWissG tritt in Kraft | Diversität | 3½ Fragen an Emanuel V. Towfigh | Standpunkt Anna-Lena Scholz: Antiakademischer Dünkel

 
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Liebe Leserinnen und Leser,
volles Programm heute: EFI-Gutachten, UrWissG, Diversität, und und und. In den 3½ Fragen denkt Emanuel V. Towfigh, seit heute Dekan der EBS Law School, darüber nach, wer „Wir“ eigentlich sind. Wer noch nicht genug hat von den Deutungen der Karliczek-Personalie kann sich durch unsere Presseschau klicken; und im Standpunkt schreibt Anna-Lena Scholz, warum man sich die Wahl der neuen BMBF-Chefin eher nicht schönreden kann. – Außerdem noch eine Leseempfehlung für alle krisendiskurserprobten Geisteswissenschaftler/innen unter Ihnen: In unserer aktuellen Ausgabe analysiert Wolfram Eilenberger den – wie er sagt – desolaten Zustand der akademischen Philosophie. Lesen und debattieren!
   
 
 
   
 
   
   
 
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Presseschau: Anja Karliczek
Dass Anja Karliczek neue Bundesministerin für Bildung und Forschung werden soll, hat erst Erstaunen ausgelöst, dann Deutungsfestspiele. Was bedeutet die Personalie? Verbirgt sich hinter der Irritation, dass eine Hotelfachfrau mit Fernstudium künftig in Wissenschaftsakademien und Universitäten reüssieren wird, „dämlicher Dünkel“ der akademischen Zunft, wie Georg Löwisch in der taz kommentierte? Dass ein Ausbildungshintergrund und fachfremde Neugier Impulse für die zu Jargon und Idiosynkrasien neigende Scientific Community bedeuten könnten, schrieb Jan-Martin Wiarda bei Spektrum; Thomas Vitzhum überlegte in der Welt, ob „die Neue“ dem Ressort womöglich zu einer neuen Popularisierung verhelfen könne, und Jürgen Kaube münzte die Außenseiter-These in der FAZ wie folgt: „Was hat es den Schulen und Universitäten genützt, dass sie zuletzt im Bund von bildungspolitischen Innenseiterinnen regiert wurden?“ Amory Burchard prophezeit im Tagesspiegel, was alle ahnen: Karliczek wird sich ganz schön einarbeiten müssen – und vor allem, wie Martin Spiewak bei ZEIT ONLINE schreibt, auf die mit allen Wassern gewaschenen Länder-Vertreter einstellen müssen. Kathrin Zinkant fragte daher in der SZ: „Mit Frau Karliczek an der Spitze aber muss man sich fragen, ob Wissenschaft und Forschung in der deutschen Politik noch die Rolle spielen, die sie angeblich ja haben – und die sie auch verdienen würden.“ 
  
 
 
EFI-Gutachten: Digitalisierung ist unterfinanziert
Die Expertenkommission Forschung und Innovation, kurz: EFI, hat Kanzlerin Angela Merkel und Noch-BMBF-Chefin Johanna Wanka gestern ihr neues Jahresgutachten übergeben. In der Wissenschaft dürfte die Kommission mit ihrer Hauptthese offene Türen einrennen: Dass nämlich die wirtschaftliche und politische Stabilität Deutschlands mit den Investitionen in Forschung und Innovation ursächlich verbunden sind – folglich empfiehlt sie der neuen Bundesregierung, „verstärkt in Wissenschaft, Forschung und Innovation zu investieren, um auch künftig Deutschlands Rolle als eine führende Wirtschaftsnation zu sichern“. Das heißt: Mehr Geld (etwa durch steuerliche FuE-Anreize), vor allem aber Priorisierung der Digitalisierung – den Digitalpakt Schule etwa hält die Kommission schon jetzt für unterfinanziert. Der Hochschulpakt solle – aber wer will das nicht – fortgeführt werden, der Pakt für Forschung und Innovation dagegen „künftig stärker auf den Erkenntnis- und Technologietransfer“ ausgerichtet werden. Aufmerken dürften auch all jene, die um die Profilbildung von Unis und FHs streiten – das Gutachten empfiehlt nämlich, dass die jeweiligen Institutionen ihr je eigenes Profil weiterentwickeln. Angela Merkel sagte in einem Statement mit Blick auf das Horizon 2020-Nachfolgeprogramm FP9: „Sie von der Expertenkommission schärfen uns auch den Blick auf die europäische Forschungslandschaft und auf die Tatsache, dass wir europäisch denken sollten. Das sollte sich dann auch in der nächsten finanziellen Vorausschau, die ab 2021 in Kraft tritt, aber jetzt schon erarbeitet wird, niederschlagen.“ (Handelsblatt; ntv; WiWo) Hier finden Sie den Bericht als PDF
  
 
 
UrhWissG tritt in Kraft
Heute tritt das Urheberrechts-Wissensgesellschafts-Gesetz (ja, es heißt wirklich so) in Kraft. Es sieht vor, dass Verlage „angemessen“ vergütet werden, wenn ihre Werke zu Lehr- und Forschungszwecken verwendet werden. Wie viel „angemessen“ ist, ist jedoch nicht definiert; außerdem müsste die pauschale Vergütung durch die VG Wort erfolgen. Die jedoch hat derzeit keine Rechtsgrundlage, um an die Verlage Geld auszuschütten. (verbaende.com; Börsenverein
  
 
 
Money, Money, Money
In der Scientific Community spricht man bekanntlich besonders gern über das Geld, das man nicht hat. Transparenz kann hier nur förderlich sein. In der neuen Forschung & Lehre kann man jetzt erfahren, was freilich viele ahnten: Baden-Württemberg zahlt die höchsten Grundgehälter für Hochschullehrerinnen und -lehrer. Bisweilen ist hier der W2-Sockel sogar höher als ein W3-Gehalt in einem anderen Bundesland. Konkret: 6.020,53 Euro gibt es in BaWü für W2; aber nur 5.874,12 Euro für W3 in Hessen, 6.098,50 Euro in Thüringen. 
  
 
 
„American Historical Review“ verordnet sich Diversität
Diversity gehört zum guten Ton, häufig aber auch nicht viel mehr. „Manels“ – All Male Panels: Podien, auf denen keine Frauen sitzen – und eurozentrisch dominierte Fachdebatten sind in der Wissenschaft immer noch allerorten anzutreffen, wider alle Forschungserkenntnisse über den epistemologischen Gewinn durch Heterogenität. Die American Historical Review, eines der einflussreichsten geisteswissenschaftlichen Fachorgane, geht jetzt offensiv gegen die Eindimensionalität vor. Der Herausgeber Alex Lichtenstein kündigte eine Erweiterung des Herausgebergremiums sowie neue Regeln der Manuskriptakquise an, zwecks Dekolonisierung, er schreibt: „I am a believer in achievable, incremental change, taken boldly and with vision. I have no illusions about what an enormous challenge this will be“. Mehr Frauen und People of Color, mehr „Migrant*innen, Indigene und Kolonisierte“ sollen als „Autor*innen“ gewonnen werden – so schrieb die Historikerin Birte Förster gestern in der FAZ, und kommentierte, man dürfe gespannt sein, wie die neuen Maßnahmen außerhalb der USA aufgenommen werden, „vor allem in Regionen, in denen sich die Einsicht noch nicht durchgesetzt hat, dass Männer allein keine Vielfalt bedeuten.“ Übrigens, apropos Gendersternchen*: In just derselben gestrigen FAZ-Ausgabe schrieb der Linguist Peter Eisenberg im Feuilleton eine flammende Verteidigung des generischen Maskulinums. Es lebe, wie gesagt, die Diversität der Stimmen!
  
   
   
   
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Wuppertal Institut
Das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt Energie hat erstmals mit neuer Aufsichtsrat-Zusammensetzung getagt; neuer Vorsitzender ist Christoph Dammermann, Staatssekretär im NRW-Wirtschaftsministerium.

Postlep leitet das DSW
Hübsche Feierlichkeiten gestern in der Berliner Kalkscheune. Der bisherige Präsident des Deutschen Studentenwerkes, Dieter Timmermann, übergab sein Amt an Rolf-Dieter Postlep, der dem DSW offiziell bereits seit Anfang des Jahres vorsteht. Es gab Applaus für beide, natürlich. Übrigens wurde bei der Amtsübergabe auch den Ehefrauen des neuen und alten Präsidenten gedankt. Alte Schule oder alte Welt?

DHV-Ranking: Pfeiffer-Poensgen und Wessels auf Platz 1
Macht schon was her, der Titel „Wissenschaftsminister/in“ des Jahres. Im alljährlichen Ministerranking des Deutschen Hochschulverbands (DHV) steht diesmal die NRW-Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen auf Platz 1; sie erhielt die Note „befriedigend plus“ und verwies damit Dauerprima Theresia Bauer auf Platz 2. Auch die Rektorinnen und Rektoren werden auf diesem Wege evaluiert – „Rektor des Jahres“ ist demnach Johannes Wessels von der Uni Münster. Und wie kommt das Ranking überhaupt zustande? Nun, die 30.000 DHV-Mitglieder dürfen abstimmen. De facto mitgemacht haben allerdings insgesamt nur 3.105 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Wir gratulieren, finden aber trotzdem: Ganz schön viel Lärm um nicht allzu viel.

Job: Europa-Universität Flensburg
Immer schön, wenn eine Stellenanzeige nicht allzu schmallippig daherkommt. Wer gesucht wird, warum und welche Art der Bewerbungsunterlagen man bevorzugt (Postalisch? E-Mail? Mit Bild, ohne Bild?) sagt doch einiges über das Profil und Selbstverständnis einer Hochschule aus. Richtig schön festlesen kann man sich diese Woche bei der Europa-Universität Flensburg, die eine Kanzlerin (m/w) sucht. Im aktuellen ZEIT Stellenmarkt!
   
   
 
 
   
 
   
   
 
3½  Fragen an…
 
 
   
Prof. Dr. Emanuel V. Towfigh

Dekan der EBS Law School, Wiesbaden; Inhaber des Lehrstuhls für Öffentliches Recht, Empirische Rechtsforschung und Rechtsökonomik an der EBS Law School
Eine Erkenntnis, zu der Sie jüngst kamen?
In unserer pluralen Welt müssen „wir“ uns alle viel stärker als Schicksalsgemeinschaft begreifen. Diese globale Schicksalsgemeinschaft, die Menschheit, besteht aus vielen Teil-Gemeinschaften, sie ist eine „Gemeinschaft aus Gemeinschaften“. Die Menschheit kann nicht prosperieren, solange es einzelnen ihrer Teile nicht wohlergeht, und die Teile können weder gegeneinander noch in Opposition zum Ganzen gedeihen. Ideen wie der des Nationalstaats sind wir entwachsen, sie vermögen nur noch einen kleinen Teil unserer Lebenswirklichkeit zu erfassen. Was „Wir“ in diesem Zusammenhang bedeutet und welche neue Identität angesichts dieses Paradigmenwechsels erwächst, müssen wir neu entdecken — Multi-Polarität wertschätzend, ohne zu polarisieren. Universitäten kommt dabei eine herausragende Bedeutung zu: In der Forschung, beim Vor- und Nachdenken zu diesen Fragen; in der Lehre, bei der Vermittlung von Konzepten, die helfen können, gesellschaftliche Verwerfungen zu erkennen und die rasanten Umbrüche zu meistern; und bei der Bildung von Studierenden und Lehrenden, weil unsere Privilegien mit einer besonderen Verantwortung verknüpft sind.

Welches wissenschaftspolitische Problem lässt sich ohne Geld lösen?
Eine kluge Open-Access-Strategie beispielsweise, die durch verständiges Umschichten vorhandener Mittel bewirken kann, dass wissenschaftliche Erträge viel breiter rezipiert werden — und das Wissen der Menschheit stärker vernetzt werden und allen nutzen kann.

Lektüre muss sein. Welche?
Zygmunt Baumann, Das Vertraute unvertraut machen. Ein Gespräch mit Peter Haffner; Ulrich Beck, Die Metamorphose der Welt; und Henrik Müller, Nationaltheater. Wie falsche Patrioten unseren Wohlstand bedrohen.

Und sonst so?
In überkommener Wissenschaftler-Manier die maximale Zeichenvorgabe [1.900 Anschläge; Anm. d. Red.] ausgenutzt!
   
   
 
 
   
 
   
   
 
Standpunkt
 
 
   
   
von Anna-Lena Scholz
Antiakademischer Dünkel
Die deutsche Wissenschaft neigt zu Statusdenken: Man schätzt formalisierte Qualifikationshürden, man achtet Titel, man bewahrt die Tradition. Es gibt allerdings noch einen Wert, der an den Universitäten hochgehalten wird: Substanz.
Dass jetzt mit Anja Karliczek eine Person ins höchste politische Wissenschaftsamt berufen werden soll, die bislang kein Interesse an der Wissenschaft gezeigt hat, irritiert die Scientific Community. Karliczek, 46, hat Bankkauf- und Hotelfachfrau gelernt und ein BWL-Fern-studium absolviert. Das ist solide; die Insignien des Akademischen jedoch, die Nähe zum Milieu und die Expertise – das alles fehlt ihr. Die Ziselierungen der Exzellenzstrategie, der Streit ums Promotionsrecht der FHs, die Kapazitätsverordnung: Neuland.
Man kann sich die Personalie schönreden: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung ist gut in Schuss; die Staatssekretäre werden die Details schon im Auge behalten; mit einem Etat von fast 18 Milliarden Euro kann man sich beliebt machen, zumal sich die großen Räder ihrer Vorgängerin Johanna Wanka, wie der Hochschulpakt, fast von selbst drehen. Und eine Bildungsministerin, die einen Ausbildungsbetrieb nicht nur aus der Theorie kennt – ist das nicht ein Signal wider den akademischen Dünkel? Leider nein.
Das Umgekehrte stimmt: Die CDU offenbart mit dieser Personalie, wie beschämend gering sie die deutsche Wissenschaftslandschaft schätzt. Sie verkennt, welches Potenzial Millionen Studenten und Forscherinnen bedeuten, welche Gestaltungsräume die neue Bund-Länder-Kooperation bietet. Von Ideen, was Bildung im digitalen Zeitalter heißt, ganz zu schweigen. Die CDU hielt es nicht für nötig, Bildung und Forschung als Zukunftsthema zu begreifen, indem sie politische Vordenkerinnen auf diesem Gebiet systematisch fördert.
Anja Karliczek wird den Preis für die Geringschätzung durch ihre Partei zahlen müssen. Ihre größte Chance liegt in der Kerntugend der Wissenschaft: der Neugierde auf alles Unbekannte.

Dieser Kommentar ist auch im CHANCEN-Ressort der aktuellen ZEIT erschienen.
   
   
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Diese Woche in der ZEIT
 
 
   
Wattiertes Denken Die deutschsprachige Philosophie ist in einem desolaten Zustand. Woran liegt das? Von Wolfram Eilenberger

Ist das zu verstehen? Anja Karliczek soll neue Bildungsministerin werden „Den Kindern diese Freiheit lassen“ Eine Berliner Kita-Broschüre über geschlechtliche Vielfalt sorgt für Diskussionen. Auch in den Kindergärten selbst? Fragen an die langjährige Erzieherin Dagmar Behrendt Mama hört auf Jahrzehntelang hat sie als Buchhalterin gearbeitet. Jetzt geht die Mutter unserer Autorin in Rente. Ihre Tochter begleitet sie am letzten Arbeitstag und lernt eine moderne Frau kennen

Zur aktuellen Ausgabe
   
 
 
   
 
   
   
 
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Reichhaltige Forschungslektüre, und anschließend einen guten Espresso, wünscht Ihnen

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