Fünf vor 8:00: Der Staat schont die Reichen - Die Morgenkolumne heute von Mark Schieritz

 
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FÜNF VOR 8:00
20.02.2019
 
 
 
   
 
Der Staat schont die Reichen
 
Heute zahlt schon die Mittelschicht den Spitzensteuersatz, heißt es – doch das Argument führt in die Irre.
VON MARK SCHIERITZ
 
   
 
 
   
 
   

Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast, soll Winston Churchill einst gesagt haben. Man muss eine Statistik aber nicht einmal fälschen, um ihre eigentliche Aussage ins Unkenntliche zu verzerren. Es reicht, wenn man sie selektiv liest. So wie es in diesen Tagen in der Diskussion um den Spitzensteuersatz geschieht.
 
Der Spitzensteuersatz ist der höchste reguläre Steuersatz. In Deutschland liegt er derzeit bei 42 Prozent (ohne Solidaritätszuschlag und Reichensteuer). Wenn etwa Bundesfinanzminister Olaf Scholz fordert, die Reichen stärker zu belasten, wird von den Gegnern oft folgende Rechnung aufgemacht: Der Spitzensteuersatz mag zwar früher höher gewesen sein, dafür habe er damals erst bei einem viel höheren Einkommen gegriffen.
 
Konkret: Heute treffe er Steuerpflichtige, die das 1,9-Fache des durchschnittlichen Bruttogehalts aller Arbeitnehmer in Deutschland erhalten. Im Jahr 1980 habe ihn aber nur bezahlen müssen, wer mindestens fünfmal so viel verdiente wie der Durchschnitt. Schlussfolgerung: In Wahrheit hätten Gutverdiener damals weniger Steuern bezahlt als heute, weshalb die Bürger dringend entlastet werden müssten.
 
Diese Rechnung ist nicht ganz falsch, aber eben auch nicht ganz richtig. Die Zahlen stammen von einer Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft im Auftrag der umverteilungskritischen Lobbyorganisation Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Die Studie wird in den meisten Berichten dazu auch korrekt zitiert. Das Problem aber ist: Es werden Äpfel und Birnen miteinander verglichen. Denn der Spitzensteuersatz lag damals bei 56 Prozent. Die entscheidende Frage für einen echten Vergleich wäre, ab welchen Einkommen damals der heutige Spitzensteuersatz von 42 Prozent bezahlt werden musste.
 
Gutverdiener zahlen heute weniger
 
Interessanterweise gibt die gleiche Studie – das Institut der deutschen Wirtschaft hat seriös gerechnet – auch auf diese Frage eine Antwort. Dazu wurden die Gehälter um den Kaufkraftverlust durch die Inflation bereinigt, um die Belastungen damals und heute vergleichen zu können. Ergebnis: In der Vergangenheit wurden Gutverdiener teilweise deutlich höher besteuert als heute. Ein Beispiel: Wer als Alleinstehender 75.000 Euro im Jahr verdient, dessen höchster zu bezahlender Steuersatz beträgt derzeit 42 Prozent. Im Jahr 1986 beispielsweise waren es aber 51,8 Prozent, im Jahr 1975 immer noch 48 Prozent.
 
Das Bild ändert sich auch nicht, wenn man nicht nur den Spitzensteuersatz, sondern die gesamte Steuerbelastung betrachtet. Ein Single mit dem Doppelten des Durchschnittseinkommens – das sind etwa 70.000 Euro brutto – muss heute 22,8 Prozent seines Verdienstes an den Staat abgeben, 1975 waren es 24 Prozent, 1986 27,8 Prozent und 1996 immer noch 26,5 Prozent. Gutverdiener wurden also entlastet.
 
Wie problematisch es ist, den heutigen (niedrigeren) Spitzensteuersatz mit dem damaligen zu vergleichen, zeigt ein Gedankenexperiment: Stellen wir uns ein Land vor, das sein Steuersystem radikal umbaut. Statt vieler unterschiedlicher Tarife gibt es nur noch drei: 15 Prozent, 20 Prozent und 25 Prozent. Die letzte Stufe beginnt bei einem Einkommen von 20.000 Euro. So etwas hatte der konservative ehemalige Verfassungsrichter Paul Kirchhof einmal vorgeschlagen. Man kann sich ausmalen, was passiert: Ein großer Teil der Bevölkerung würde dank dieser Vereinfachung den neuen Spitzensteuersatz  bezahlen.

Würden also die Bürger stärker belastet? Natürlich nicht. Sie bezahlen weniger Steuern, weil der neue Spitzensteuersatz zumeist unter dem Satz liegen dürfte, den sie vorher bezahlt haben (auch wenn das vorher vielleicht nicht der höchste Steuersatz war). Was das zeigt: Aussagen über den Anteil der Spitzensteuersatzzahler an der Gesamtbevölkerung haben keinen Informationsgehalt, wenn der Spitzensteuersatz verändert wird.
 
Keine Frage: Es gibt Argumente für eine Reform des Spitzensteuersatzes. Man könnte ihn anheben und gleichzeitig ab einem späteren Einkommen beginnen lassen, wenn man der Meinung ist, dass die Belastung von Menschen, die gut verdienen, aber nicht zu den Superreichen gehören, zu hoch ist. Aber das rechtfertigt es noch nicht, mit fragwürdigen Vergleichen Stimmung zu machen. Sonst kommt tatsächlich noch jemand auf die Idee, die Steuern auf das Niveau anzuheben, das sie unter Helmut Kohl erreicht hatten.

 
   
 
   
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10 nach 8: Antje Schrupp über Konformismus

 
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19.02.2019
 
 
 
 
10 nach 8


Mehr spontane Zweifel
 
Im Internet eine unkonventionelle Meinung zu vertreten, ist anstrengend. Daher üben sich auch aufgeklärte Menschen sicherheitshalber im Konformismus. Das ist gefährlich.
VON ANTJE SCHRUPP

Eine Meinung auf Social Media ist immer auch ein Statement, das Zugehörigkeiten formt. © Rawpixel/unsplash.com
 
Eine Meinung auf Social Media ist immer auch ein Statement, das Zugehörigkeiten formt. © Rawpixel/unsplash.com
 
 

Neulich traf ich mich zum Abendessen mit zwei Freundinnen, die ich nicht aus dem Internet kenne, sondern schon seit vielen Jahren aus dem analogen Leben. Das Gespräch kam auf Annegret Kramp-Karrenbauer, die neue Parteivorsitzende der CDU, und zu meiner Verwunderung klangen die beiden fast wie Fangirls. Ja klar, so manches an ihr sei nicht ideal, das gaben sie zu. Aber für eine CDU-Politikerin sei sie doch im Großen und Ganzen schwer in Ordnung. "Habt ihr denn gar keine Probleme mit ihrer Homophobie?", fragte ich dazwischen. "Sie ist doch gegen die Ehe für alle, ist euch das etwa egal?"

Die beiden schauten mich verständnislos an. Ja klar, das hätten sie natürlich schon mitbekommen, zumal sie als lesbisches verheiratetes Paar unmittelbar betroffen seien. Aber so schlimm fänden sie nicht, was Kramp-Karrenbauer zu dem Thema gesagt habe. Erstens sei sie ja auch für die rechtliche Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften, sie wolle diese nur nicht "Ehe" nennen – so what! Außerdem habe Kramp-Karrenbauer klargestellt, dass das ihre persönliche Meinung als Katholikin sei und nicht bedeute, dass die Ehe für alle wieder abgeschafft werden soll. Wo also sei das Problem?

Dieses Gespräch hat mich nachdenklich gemacht. Denn ich musste mir eingestehen, dass ich insgeheim die gelassene Haltung meiner Freundinnen teile. Wenn ich ehrlich bin, halte ich Kramp-Karrenbauers etwas altmodische Gefühle in Bezug auf Homosexualität auch nicht wirklich für ein besonders großes Problem. Aber ich habe mich mitreißen lassen von der Meinungswelle, die meine Internetblase erzeugt hat.

Dort war es nämlich zum unhinterfragbaren Konsens geworden, Kramp-Karrenbauers Ansichten über Homosexualität für den Untergang des Abendlandes zu halten. Insgeheim hatte ich bei den täglich oder gar stündlich eintrudelnden Posts dazu immer mal wieder gedacht: Ach Leute, es gibt Schlimmeres. (Andersherum denke ich bei vielen Themen: Hey ihr, das ist jetzt wirklich schlimm, warum interessiert euch das nicht?)

Die Frage, wie das Medium Internet politische Debatten verändert und prägt, wird häufig nur im Hinblick auf seine extremen Ausprägungen geführt, auf die großen Shitstürme, die bezahlten Falschmeldungen, die automatisierten Bots, die extremen Hass-Poster. Aber es hat auch eine Auswirkung auf uns, die gutwillig Engagierten, die tatsächlich an Austausch Interessierten, die ganz normale politische Öffentlichkeit also. Die Dynamik der Vereinheitlichung, die den sozialen Medien innewohnt, erfasst auch aufgeklärte, tolerante Menschen.

Im Internet eine Meinung zu vertreten, die quer zum aktuellen Konsens steht, ist ungeheuer anstrengend. Sehr viel anstrengender als in analogen Beziehungen. Wenn ich anderen Menschen im Büro, auf der Straße, in der Kneipe oder im Frauenzentrum begegne, sende ich unendlich viele kommunikative Signale: Wie ich aussehe, wie ich mich bewege, wie ich mich kleide, wie ich spreche – all das sagt etwas darüber aus, wer ich bin und wo ich stehe. Außerdem kann ich meine Worte dem direkten Gegenüber anpassen. Schaut sie verständnislos, kann ich etwas genauer erklären, nickt sie zustimmend, kann ich das Argument abkürzen, fällt sie mir verärgert ins Wort, weiß ich, dass ich einen wunden Punkt getroffen habe. Diese ganze Begleitmusik interpretiert und kontextualisiert die gesprochenen Worte. Im Internet hingegen gibt es nichts, außer ein paar dürren Emoticons. Man wird allein nach dem beurteilt, was man schreibt, und basta.

Nicht nur einfach eine Meinung

Das ist für sich genommen nicht schlimm, auch in Büchern oder Briefen zählt ja nur das, was dort steht. Die Schrift ist nicht erst vorgestern erfunden worden, und die Gefahr, die darin liegt, dass Worte aus ihrem Kontext gelöst werden, hat schon Platon diskutiert.
Im Internet und in den sozialen Medien geht es aber nicht nur um Informationsvermittlung, sondern auch um Gemeinschaftsbildung. Eine dort geäußerte Meinung ist nicht nur einfach eine Meinung, sie ist ein Statement, das Zugehörigkeiten formt. Wer eine von der eigenen Community abweichende Position vertritt, läuft Gefahr, diese Zugehörigkeit zu verlieren: Du bist keine richtige Feministin, kein richtiger Grüner, keine wirkliche Linke, kein guter Mensch.

Das soll nicht heißen, dass man im Internet nicht kontrovers diskutieren und keine Minderheitenmeinungen vertreten könnte. Das kann man durchaus, jedenfalls außerhalb des fanatischen Spektrums. Es ist nur sehr anstrengend. Und kostet Zeit. Man muss gute Argumente haben und gut recherchieren, um die dann zu erwartenden Debatten führen zu können. Aber wer hat diese Zeit schon, außer bei den eigenen Spezialthemen?

Deshalb sagen wir meistens nur etwas, wenn wir uns ganz, ganz sicher sind und in diesem Moment Energie für kraftraubende Kontroversen haben. Zwischendurch posten wir das, was alle posten, und stabilisieren damit unsere Zugehörigkeit zur Gemeinschaft. Kramp-Karrenbauer ist homophob, der Klimawandel ist schon wieder schlimmer geworden, die Polizei ist immer noch rassistisch und Krankenkassen sollten unser Geld nicht für Homöopathie verschleudern.

Auch ich mache das. Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich keine Ahnung, wie es um das Klima bestellt ist. Ich habe mich nie intensiv damit beschäftigt, ich bin keine Meteorologin oder was man dafür sein muss. Ich bin auch nicht so sicher, was Homöopathie angeht. Ich bilde mir ein, dass die Kügelchen mir schon ein paar Mal geholfen haben, einige meiner besten Freunde schlucken sie, und eine Bekannte, von der ich viel halte, ist selbst Homöopathin.

Aber das schreibe ich nicht ins Netz, weil es nur Gedanken sind, keine substanziellen Positionen. Nichts, was ich begründen könnte. Gegen den Mainstream gehe ich im Internet nur dann in die Bütt, wenn es um eine Sache geht, bei der ich wirklich Expertin bin. Bei der ich alle Argumente tausendmal abgewogen habe. Dann, ja dann wird es spannend, und mich hat auch noch niemand aus dem Feminismus geworfen, weil ich gegen Quoten und Gleichstellung bin und Zweifel an der Queer Theory habe. Aber damit kenne ich mich auch aus, habe alle Argumente durchdacht, die relevante Literatur gelesen, das heißt: Ich kann meine Minderheitenmeinung begründen und belegen.

Bei allem anderen tendiere ich sicherheitshalber zum Konformismus. Aber das ist nicht gut. Es macht Debatten langweiliger und vorhersehbarer, unser Denken oberflächlich und fehleranfällig. Wir brauchen auch im Internet Einwände aus dem Bauch heraus, spontane Zweifel, unausgegorene Gedanken. Und mehr Gelassenheit – aber wo kriegen wir die her?

Antje Schrupp ist Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Publizistin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der politischen Ideengeschichte von Frauen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8".


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10 nach 8
 
Frauen schreiben jetzt auch abends. Montags, mittwochs, freitags. Immer um 10 nach 8. Wir, die Redaktion von 10 nach 8, sind ein vielseitiges und wandelbares Autorinnen-Kollektiv. Wir finden, dass unsere Gesellschaft mehr weibliche Stimmen in der Öffentlichkeit braucht. 

Wir denken, dass diese Stimmen divers sein sollten. Wir vertreten keine Ideologie und sind nicht einer Meinung. Aber wir halten Feminismus für wichtig, weil Gerechtigkeit in der Gesellschaft uns alle angeht. Wir möchten uns mit unseren LeserInnen austauschen. Und mit unseren Gastautorinnen. Auf dieser Seite sammeln wir alle Texte, die 10 nach 8 erscheinen.

Fünf vor 8:00: Eine Art außenpolitisches Vermächtnis - Die Morgenkolumne heute von Theo Sommer

 
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FÜNF VOR 8:00
19.02.2019
 
 
 
   
 
Eine Art außenpolitisches Vermächtnis
 
Auf der Münchner Sicherheitskonferenz mahnte die Kanzlerin die Staatengemeinschaft zu Zusammenarbeit. Es war ein Loblied auf den Multilateralismus – und fand Zustimmung.
VON THEO SOMMER
 
   
 
 
   
 
   

Ein Beifallssturm brach los, als die Bundeskanzlerin am vorigen Samstag ihre Rede bei der Münchner Sicherheitskonferenz beendet hatte. Die meisten der 500, 600 Teilnehmer erhoben sich, die stehende Ovation wollte minutenlang nicht abreißen. Es applaudierten nicht nur deutsche Politiker aller Parteien, sondern Minister, Militärs und Medienvertreter aus zahlreichen Nationen, darunter auch viele Abgeordnete und Senatoren der fünfzig Kopf starken amerikanischen Delegation; nicht allerdings die Präsidententochter Ivanka Trump. Es war eine Respektsbezeugung, die einer Huldigung gleichkam.
 
Desgleichen hatte die Kanzlerin schon länger nicht erlebt. Sie erschien aber auch wie ausgewechselt: gelöst, ja befreit. Sie sprach weithin ungewohnt leidenschaftlich, mitunter spritzig und witzig. Die Rede war nicht nur das Ereignis der Münchner Konferenz, an der sie womöglich zum letzten Mal als Bundeskanzlerin teilnahm. Was sie sagte, klang wie ihr außenpolitisches Vermächtnis.
 
Der harte Kern ihrer Botschaft lautete: Wir müssen in vernetzten Strukturen denken. Die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Weltordnung ist "unglaublich unter Druck" geraten. Wir dürfen sie jedoch nicht einfach zerschlagen; die Entwicklung fordert, dass wir sie reformieren. Um die großen Herausforderungen zu meistern, vor denen die Menschheit steht, dürfe man nicht denken, "jeder kann das Problem alleine am allerbesten lösen." Vielmehr müsse man sich "in die Schuhe des anderen versetzen, einmal über den eigenen Tellerrand schauen und sehen, ob man gemeinsame Win-win-Lösungen erreicht." Immer wieder unterstrich sie ihre Überzeugung, wenn man etwas mutig in die Hand nehme, könne man auch vernünftige Abmachungen finden.
 
Allerdings: Anders als Donald Trump, dessen Namen sie nicht einmal erwähnte, glaubt sie nicht an oktroyierte Lösungen, sondern an gemeinsam erarbeitete – eine Methode also, die heute Multilateralismus heißt. Beifällig zitierte sie einen Satz des US-Senators Lindsey Graham: "Multilateralismus mag kompliziert sein, aber er ist besser, als allein zu Hause zu sein." In ihren Ausführungen zu einer Vielzahl von Einzelproblemen – nur zu Europa sagte sie bemerkenswert wenig – zeigte sich die Bundeskanzlerin als pragmatische Realpolitikerin. Hier einige Beispiele:
 
Ein "Stabilitätsanker in stürmischen Zeiten"
 
Das Atlantische Bündnis. "Wir brauchen die Nato als Stabilitätsanker in stürmischen Zeiten", als Wertegemeinschaft auch. Die Bundeswehr leiste wichtige Beiträge, vor allem in Afghanistan und im Baltikum, außerhalb der Nato auch in Mali. Die Zwei-Prozent-Marke sieht die Kanzlerin indes bloß als Richtwert. "Seit 2014 haben wir die Verteidigungsausgaben von 1,18 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf 1,35 Prozent erhöht. Wir wollen 2024 bei 1,5 Prozent liegen. Vielen reicht das nicht, für uns ist das ein essenzieller Sprung." Oder sollten wir, deutet sie verschmitzt an, in eine Wirtschaftsrezession verfallen, um leichter auf die zwei Prozent zu kommen? Ihre Antwort: "Dass das dem Bündnis dient, glaube ich nicht."

Das Verhältnis zu Russland. Merkel nahm kein Blatt vor den Mund, was Moskaus völkerrechtswidriges Verhalten – "Annexion der Krim und anschließend der Angriff auf die Ostukraine" – betrifft. Aber sie dankte Nato-Generalsekretär Stoltenberg dafür, dass er auf der Nato-Russland-Grundakte beharrt und das Gespräch gesucht hat – auch in schwierigsten Zeiten. Doch sie ging noch weiter: "In ein paar Jahren kann es wieder ganz anders aussehen. Der Gesprächsfaden soll nicht abreißen." Im Zusammenhang mit dem umstrittenen Nord-Stream-2-Projekt erklärte sie, leicht spöttisch: "Ein russisches Gasmolekül bleibt ein russisches Gasmolekül – egal, ob es über die Ostsee kommt … Niemand will einseitig von Russland abhängig werden. Aber wenn wir schon im Kalten Krieg russisches Gas bekommen haben, dann weiß ich nicht, warum die Zeiten heute soviel schlechter sein sollen, dass wir nicht sagen: Russland bleibt ein Partner." Außerdem: "Wollen wir Russland nur noch in die Abhängigkeit oder in die Erdgasabnahme von China bringen? Ist das unser europäisches Interesse? Das finde ich nicht."
 
Wettbewerb kann gegenseitig schwächen
 
Das Verhältnis zu China. Dem chinesischen Argument, China als führende Wirtschaftsnation nehme nur wieder den Platz ein, den es bis vor 300 Jahren innehatte, setzt Merkel entgegen: "In den letzten 300 Jahren waren wir aber die Führenden; erst die Europäer, dann die USA und dann wir zusammen. Nun müssen wir mit der gegebenen Situation umgehen, damit daraus nicht ein uns gegenseitig schwächender Kampf wird." Sie pocht auf wirtschaftliche Reziprozität: gleiche Regeln für alle. Darüber müsse im Sinne der Partnerschaft geredet werden, auch weil so viele andere Probleme nur gemeinsam gelöst werden können. (Bisher haben derlei Appelle an die Chinesen nur bedingte Resonanz gefunden. Die Forderung, der Erweiterung des INF-Vertrages auf Asien zuzustimmen, haben Pekings Vertreter in München gleich rundheraus abgelehnt.)
 
Schließlich die Beziehungen zu den USA. Die Bundeskanzlerin freute sich, "so viele Vertreter der Vereinigten Staaten" zu begrüßen. Aber mit ihrer Kritik an Washingtons gegenwärtiger Politik hielt sie nicht zurück. Sie bekümmert die Kündigung des INF-Vertrages, der Europas Sicherheit betrifft – "und wir sitzen da und werden natürlich alles versuchen, um weitere Abrüstungsschritte möglich zu machen. Denn die Antwort kann nicht in blindem Aufrüsten liegen." Ebenso beunruhigt sie Amerikas undurchsichtige Afghanistan-Politik, über die "Fragen der Fortentwicklung" – Teilabzug, Vollabzug, weitere Unterstützung Kabuls – müsse man miteinander sprechen: "Ich möchte wirklich nicht erleben, dass wir eines Tages dastehen und einfach weggehen müssen, da wir dort sehr vernetzte Kapazitäten haben" – verständlich gesagt: völlig von den Amerikanern abhängen.
 
Und auch über die Kündigung des Nuklear-Abkommens mit dem Iran redete die Kanzlerin Tacheles: "Helfen wir unserem gemeinsamen Ziel, nämlich die schädlichen oder schwierigen Aktivitäten des Iran einzudämmen, indem wir das einzige noch bestehende Abkommen kündigen, oder helfen wir der Sache mehr, indem wir den kleinen Anker, den wir haben, halten, um dadurch vielleicht auch auf anderen Gebieten Druck machen zu können?" Zudem hätten wir nichts davon, wenn jeder gegenüber Russland seine eigenen Sanktionen entwickle. Und mit einem Lächeln auf den Lippen mokierte sie sich darüber, dass europäische Autos vom US-Handelsministerium als Bedrohung der nationalen Sicherheit eingestuft werden, sogar die in South Carolina gebauten BMWs.
 
Es war ein imposanter Ritt über die Konfliktfelder dieser Welt. Angela Merkel gestattete, ein rares Ereignis, einen tiefen Einblick in ihre Gedankenwelt. Im Grundsätzlichen werden ihre Erwägungen noch lange nach ihrer Amtszeit auf die deutsche Außenpolitik einwirken. Insofern ist der Begriff Vermächtnis nicht zu weit hergeholt. New York Times-Kolumnist Roger Cohen hat Recht: Ein Gutteil davon ist in der deutschen DNA festgeschrieben. Der Beifall für die Kanzlerin zeigte, dass dies durchaus Zustimmung findet in der Welt.

 


 
WEITERFÜHRENDE LINKS

Rede der Bundeskanzlerin Angela Merkel, 16. Februar 2019, München
NEW YORK TIMES Roger Cohen, „Munich or a requiem for the West“

 
   
 
   
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