Fünf vor 8:00: Keine Enttäuschung - Die Morgenkolumne heute von Özlem Topçu

 
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 FÜNF VOR 8:00
01.06.2017
 
 
 
 


 
Keine Enttäuschung
 
Nach vier Jahren NSU-Prozess ist er in die Kritik geraten: Lang sei er, teuer und sinnlos. Dabei hat der Prozess sehr viel gebracht.
VON ÖZLEM TOPÇU

Kürzlich gab ein islamischer Verband zum vierten Jahrestag des NSU-Prozesses eine Pressemitteilung mit folgender Überschrift heraus: "Vier Jahre NSU-Prozess – eine einzige Enttäuschung". Weiter heißt es: "Der NSU-Prozess ist weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben und hat vielmehr der Politik geholfen, sich mit dem Verweis auf das laufende Verfahren aus der Verantwortung zu ziehen." Der Verband selbst ist nicht weiter der Rede wert, die Frage steht aber im Raum: Ist der NSU-Prozess das, eine Enttäuschung?
 
In erster Linie trifft die Frage vermutlich ein Gefühl, und Gefühle scheren sich nicht um Fairness oder Fakten. Wenn die Rede auf den Prozess kommt, in privaten Gesprächen etwa, heißt es immer häufiger: Das zieht sich aber auch hin! Oder: Da hört man ja gar nichts mehr drüber! Manchmal auch: So richtig was gebracht hat das jetzt nicht, oder? Und was das wohl alles kostet!
 
Nun sollte man die diese wichtige Frage aber nicht Interessensverbänden überlassen, deren Mitglieder noch nie einen Fuß in den Saal A 101 des Münchner Oberlandesgerichts gesetzt haben. Die richtigen Antworten sind: Ja, der Prozess zieht sich hin, Rechtsstaat dauert. Das sollte Anlass zur Freude sein, wenn man sich mal in der Welt umschaut. Ja, er kostet Geld. "Man" hört auch etwas über ihn, wenn man denn möchte. Viele Kollegen sitzen konsequent seit vier Jahren im Gerichtssaal und berichten. Und, am wichtigsten: Ja, er bringt etwas. Sogar sehr viel.
 
Der Prozess gegen Beate Zschäpe und ihre Mitangeklagten ist ein Strafprozess, dessen vorrangige Aufgabe es ist, der Schuld der Angeklagten nachzugehen. Er soll der Wahrheit über die Morde an acht Türken, einem Griechen und einer Polizistin zwischen den Jahren 2000 und 2006 so nah wie möglich kommen, sie so weit wie möglich aufklären. Das tut er. Wenn man sich dieser Tage bei Prozessbeteiligten umhört, so besteht mittlerweile kein Zweifel mehr an der Schuld von Beate Zschäpe. Daran dürfte auch der aktuelle Gutachterstreit nichts ändern. Auch die anderen Angeklagten dürften nicht mit Freisprüchen rechnen. Behauptungen über die schwierige Beweislage sind ebenfalls kaum haltbar. "Die Beweisaufnahme hat die Anklage im vollen Umfang bestätigt", sagt etwa Thomas Bliwier. Er vertritt die Familie des hessischen Mordopfers Halit Yozgat. Das ist die prozessual-technische Ebene.
 
Der NSU-Prozess ist jedoch darüber hinausgegangen. Er war von Anfang an ein politischer Prozess. Er hat politische Fragen zugelassen und nicht nur nach der Schuld der Angeklagten gefragt. Natürlich haben diese Fragen zu einer Verlängerung des Prozesses geführt. Aufklärung ist aber wichtiger als Schnelligkeit, wie Nebenkläger-Vertreter Mehmet Daimagüler es formuliert. Die Gesellschaft hat am Ende etwas davon. So hat sich in der langen Prozesszeit gezeigt, dass der NSU keine isolierte Gruppe von drei Verschworenen war. Die Gruppe hatte Helfer und Verbindungen zu rechtsextremen Netzwerken wie Blood and Honour. Folgeprozesse sind nicht ausgeschlossen. Dass diese Verbindungen zu Tage getreten sind, ist den beharrlichen Beweisanträgen der Nebenklägervertreter zu verdanken.
 
Die politischen und gesellschaftlichen Fragen werden bleiben
 
Auch andere hässliche Dinge sind ans Licht befördert worden: Das Versagen und die Unwahrheiten von einigen Verfassungsschutzämtern und Ermittlungsbehörden. Ihre teilweise fragwürdigen Arbeitsmethoden und ihre Einstellung zu den Opfern. Ein Beispiel ist der hessische Verfassungsschützer Andreas Temme. Er war im Moment der Ermordung von Halit Yozgat in dessen Internetcafé in Kassel, behauptet aber beharrlich, weder etwas gesehen noch etwas gehört zu haben. Ohne die Fragen des Vaters des Opfers und seiner Anwälte im NSU-Prozess wäre Temme nicht geladen worden. Ohne die Nachfragen hätte es den NSU-Untersuchungsausschuss in Hessen womöglich nie gegeben. Zu denken wäre da auch an die Ermittler, die bei der Untersuchung auf alle möglichen Ideen gekommen waren: Drogen, PKK, Prostitution. Also: Türke tot, muss ein anderer Türke gewesen sein. Nie aber waren sie auf das Motiv Fremdenhass gekommen. In polizeilichen Aktenvermerken war die Rede von "Mulatten" und "Türken mit Mongolenbärten". Yozgat-Anwalt Bliwier ist sich sicher, "dass der NSU-Prozess eine Sensibilisierung in vielen Amtsstuben bewirkt hat und Ermittler heute häufiger an das Motiv Rassismus denken". Er spielt auf aktuelle Prozesse an, etwa gegen die Gruppe Freital. Bliwiers Bild von Neonazi-Strukturen im Land habe sich massiv geändert. Sie seien tiefer als er gedacht habe. Das dürfte vielen so gehen.
 
Der Prozess ist kein Abschluss, sondern ein Anfang
 
Aber reicht das alles? Sicher nicht jedem Prozessbeteiligten. Viele Nebenklägervertreter hätten sicher gern noch weiter im rechten Sumpf gestochert, den "See trocken gelegt". So formulierte einer von ihnen einmal sein Ziel. Damit hatte er die Grenzen des Prozesses weiter verschoben. Anwalt Daimagüler etwa spricht von einem Makel, der bleiben wird, weil viele Themen zu kurz gekommen seien, wie etwa institutioneller Rassismus. Und sicher wird es nicht den Hinterbliebenen der Ermordeten reichen, wie auch. Deren vorrangigste Frage ist nämlich: Warum mein Vater? Warum haben sie meinen Sohn ausgesucht? Es wird eine schmerzhafte Erkenntnis sein, dass die Hinterbliebenen keine befriedigende Antwort auf diese Fragen bekommen werden. Die Einzige, die dazu etwas sagen könnte, ist Beate Zschäpe. Aber die hat sich entschlossen, die Hinterbliebenen mit einer Ansprache nicht als Individuen anzuerkennen, als Menschen mit quälenden Fragen und Schmerz. Aber auch das bedeutet Rechtsstaat: Es ist das Recht der Angeklagten.
 
Der NSU-Prozess ist keineswegs eine Enttäuschung. Aber er wird auch nach der Urteilsverkündung kein Abschluss von etwas sein, sondern ein Anfang. Oder, wie es Johannes Pausch, einer der Verteidiger des Angeklagten Carsten S., ausdrückt: "Ich muss das als Bürger nicht hinnehmen", wenn etwa Akten geschreddert werden oder Ämter versagen, wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft angegriffen oder verächtlich gemacht werden. In München hat das Land sich selbst weiter kennengelernt, in einen der vielen Spiegel geschaut. Vielleicht nicht lang genug, vielleicht nicht genau genug. Es hat aber etwas gesehen, das nicht nur schön war. Das Prozessuale wird bald zu Ende gehen. Die politischen und gesellschaftlichen Fragen werden bleiben. Fragen, die sich ein Land, das gerade erst knapp eine Million Flüchtlinge aufgenommen hat, in Zeiten von Terrorgefahr, der gestiegenen Sehnsucht nach einer harten Hand, viel öffentlichem Hass und einfachen Antworten immer wieder hartnäckig stellen muss.
 
WEITERFÜHRENDE LINKS
ISLAMISCHE GEMEINSCHAFT MILLÎ GÖRÜ
S E.V. "Vier Jahre NSU-Prozess – eine große Enttäuschung"
SÜDDEUTSCHE ZEITUNG "Was der Psychiaterstreit für den NSU-Prozess bedeutet"
NSU WATCH Termin-Vorschau
 



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Fünf vor 8:00 ist die Morgenkolumne von ZEIT ONLINE. An jedem Werktag kommentieren abwechselnd unter anderem Michael Thumann, Theo Sommer, Alice Bota, Matthias Naß, Martin Klingst und Jochen Bittner.

Zu wenige Profs | Zu viele PD | 3½ Fragen an Ronny Röwert | Standpunkt Jan-Martin Wiarda: Auf freier Strecke

 
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Liebe Leserinnen und Leser,
interessante Personalrochade in der SPD. Was die Personalie Hubertus Heil für die Wissenschaftspolitik bedeutet, analysiert heute Jan-Martin Wiarda im Standpunkt. Ronny Röwert, der für die Kiron University die Hochschulpartnerschaften koordiniert (ZEIT 19/2016), blickt im Fragebogen nach Indien. Und dann haben wir noch etwas für Ihren Terminkalender: Am morgigen Freitag spricht um 15 Uhr der Präsident der Budapester CEU, Michael Ignatieff, an der Hertie School of Governance in Berlin. Die Rede wird im Livestream übertragen.
   
 
 
   
 
   
   
 
Das ist wichtig
 
 
   
 
  
Problem: Es gibt zu wenig Profs
Das leidige Lied: Es gibt zu viele Postdocs für zu wenig Professuren. Stimmt auch – aber nur für die Universitäten. Die Fachhochschulen hingegen rufen im Chor: Halloooohoooo, jemand da? Denn: Es gibt einen eklatanten Bewerbermangel, wie jetzt eine Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) belegt. Den FHs gelingt es kaum, alle verfügbaren Professuren zu besetzen; besonders betroffen sind die Ingenieurswissenschaften sowie die Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und die Professuren im Gesundheitswesen. In 49 Prozent der Fälle kommt keine Dreierliste zustande; besonders schwierig ist die Lage in Baden-Württemberg: in 48 Prozent der Fälle muss hier eine Professur mehr als einmal ausgeschrieben werden. Häufig scheitert die Berufung an formalen Kriterien – etwa weil die für FHs obligatorische Praxiserfahrung fehlt. Ausgewertet wurden die Daten von 773 Berufungsverfahren an 41 Fachhochschulen. Das BMBF, das die Studie gefördert hatte, schickte sogleich eine Pressemitteilung hinterher: Der Bewerbermangel für FH-Professuren sei „alarmierend“, kommentierte Johanna Wanka, und kündigte an: „Der Bund will die Fachhochschulen bei ihrer Personalgewinnung unterstützen. Der Wissenschaftsrat hat hierzu bereits Empfehlungen formuliert. Ausgehend davon prüfen wir gerade mit den Ländern, wo es einen gemeinsamen Handlungsbedarf gibt und inwiefern ein Bund-Länder-Programm den Fachhochschulen helfen kann.“
  
 
 
Lösung: Es gibt zu viele Privatdozenten
Noch ein leidiges Lied: Weiterhin zuckeln Heerscharen von Privatdozenten und -dozentinnen über die Flure der Universitäten und Fachhochschulen und unterrichten nahezu ohne Bezahlung (ZEIT 33/2016). 750 sind es allein in Berlin, wie jetzt die Senatsverwaltung auf Anfrage der Linken bekannt gab. – Ja ja, wir wissen schon: FH-Professuren und prekäre PD's sind keine zwei Puzzleteile, die nahtlos ineinanderpassen. Aber warum nicht trotzdem mal kreativ in diese Richtung denken?
  
 
 
Nicht berufen
...und hier noch ein finaler Schwenk zum selben Thema: Sachsen muss einem Professor Schadensersatz in Millionenhöhe zahlen, weil die Berufungskommission ihn zwar auf Platz eins der Liste gesetzt, die Rektorin der Uni Leipzig, Beate Schücking, sich aber trotzdem für eine andere Kandidatin entschieden hatte. Nachzulesen bei SpOn.
  
 
 
UrhWissG: Auf- und Abregung
Große Aufregung derzeit bei der FAZ. Die sorgt sich angesichts der Reform des Urheberrechts um sich selbst; Thomas Thiel betitelte seine Untergangsvision: „Heiko Maas macht die freie Presse kaputt“. Eine Gegenrede kam von Eric W. Steinhauer auf kapselschriften.blogspot; auch die taz senkt den Puls wieder. Und über die Anhörung im Rechtsausschuss am Montag hat Leonhard Dobusch bei netzpolitik.org gebloggt. 
  
 
 
Die Schwerkraft des Milieus
Erschienen in der letzten ZEIT, heute verlinkt im CHANCEN Brief: neue Zahlen über die soziale Selektion an deutschen Hochschulen, entnommen dem Hochschul-Bildungs-Report von Stifterverband und McKinsey, der im Herbst erscheinen wird: Von hundert Kindern mit mindestens einem studierten Elternteil beginnen 74 ein Studium, von denen wiederum 63 einen Bachelorabschluss machen, 45 noch einen Master dranhängen und schließlich 10 eine Promotion absolvieren. Von hundert Kindern, deren Eltern keine Hochschule besucht haben, beginnen nur 21 ein Studium, schaffen nur 15 einen Bachelor, machen nur 8 bis zum Master weiter – und nur eine einzige Person erlangt den Doktorgrad. Unsere Analyse lesen Sie bei ZEIT ONLINE.
  
   
 
 
   
 
   
   
 
Personen
 
 
   
   
Humboldt-Professuren
Fünfmal viel Geld und große Ehre – und zwar in Form der diesjährigen Alexander von Humboldt-Professur. Ausgezeichnet werden Anne van Aaken (Universität Hamburg), Wil van der Aalst (RWTH Aachen), Arno Rauschenbeutel (HU Berlin), Guus F. Rimmelzwaan (Tierärztliche Hochschule Hannover), Michael H. Sieweke (TU Dresden). Die Humboldt-Professur ist der höchstdotierte Forschungspreis in Deutschland; er soll internationale Forscher eine Perspektive in Deutschland bieten. Ausgezeichnet wurden bislang 49 Wissenschaftler und zehn Wissenschaftlerinnen.

Körber-Preis
Der Körber-Preis für die Europäische Wissenschaft wird in diesem Jahr Karsten Danzmann verliehen, dem Direktor am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in Hannover und des Instituts für Gravitationsphysik der Universität Hannover. Die Körber-Stiftung würdigt damit Danzmanns „zentrale Rolle bei der Entwicklung von Technologien, mit denen die Advanced-LIGO-Detektoren in den USA im September 2015 erstmals direkt Gravitationswellen nachgewiesen haben“. Der Preis ist mit 750.000 Euro dotiert und wird am 7. September 2017 in Hamburg verliehen.

Holocaust-Forschung in Hessen
Vor kurzem trat die Historikerin Sybille Steinbacher die deutschlandweit erst Holocaust-Professur an der Uni Frankfurt an. Nun wurde in Hessen noch ein zweiter Lehrstuhl mit diesem Schwerpunkt eingesetzt: Sascha Feuchert übernimmt an der Universität Gießen die von der Ernst-Ludwig-Chambré-Stifung geförderten Stiftungsprofessur für Neuere deutsche Literatur mit dem Schwerpunkt Holocaust- und Lagerliteratur sowie ihre Didaktik.

Job: Die mit den Mäusen tanzt
Ein Wort, das wir bei der Lektüre des aktuellen ZEIT-Stellenanzeigers nachschlagen mussten: „gnotobiotisch“. So bezeichnet man Tiere, die unter keimfreien Bedingungen aufgezogen werden. Wer das auf Anhieb wusste und sich gerne um Labormäuse, -schafe und -schweine kümmern möchte, kann sich an der Universität Ulm bewerben. Gesucht wird eine Leiterin des Tierforschungszentrums (m/w).
   
   
 
 
   
 
   
   
 
3½  Fragen an…
 
 
   
Ronny Röwert

Koordinator für Hochschulpartnerschaften bei Kiron Open Higher Education
Eine Erkenntnis, zu der Sie jüngst kamen?
Während in den letzten Jahren der Blick für neue Entwicklungen im Bereich der Online-Lehre vor allem in Richtung USA ging, kann erwartet werden, dass in den kommenden Jahren Länder wie Indien impulsgebend sein werden. Um die Bildungsexpansion bewerkstelligen zu können, ist in Indien eine MOOC-Plattform mit über 2.000 Online-Kursen in Planung mit dem Gebot der Anrechenbarkeit der erworbenen Leistungen an anderen Hochschulen des Landes.

Welches wissenschaftspolitische Problem lässt sich ohne Geld lösen?
Digitale Bildungsangebote weisen vielversprechende Chancen für das deutsche Hochschulsystem auf – in der Verbesserung der Effizienz und Qualität der Lehre trotz fortschreitender Massifizierung, im Einsatz für Hochschulmarketing oder Recruiting, in der lebenslangen Weiterbildung sowie als Vehikel für die gesellschaftliche Verantwortung der Hochschulen. Wie Kiron Open Higher Education zeigt, können digitale Medien Geflüchteten eine Perspektive auf eine erfolgreiche Integration in das Hochschulsystem bieten. Damit nicht nur die Hochschullehre an sich sondern insbesondere die mit innovativen und mit digitalen Medien ausgestattete Lehre eine größere Bedeutung beimessen, sollten sich diese Aspekte digitaler Lehrkonzepte sowie die Aussicht auf entsprechende Kompetenzentwicklungen stärker in Berufungsverfahren an den Hochschulen widerspiegeln.

Lektüre muss sein. Welche?
Wikipedia als wunderbarer Schatz freien Wissens.

Und sonst so?
In diesem Fall gilt umso mehr: Man soll die Feste stets feiern, wie sie fallen. Das Erasmus-Programm wird 30 Jahre alt.
   
   
 
 
   
 
   
   
 
Standpunkt
 
 
   
   
von Jan-Martin Wiarda
Auf freier Strecke
Hubertus Heil wird neuer SPD-Generalsekretär, und eine Frage beschäftigt die Kommentatoren: Wird er den auf freier Strecke stehen gebliebenen Wahlkampfzug der Sozialdemokraten wieder in Fahrt bringen? Und kann er dafür „sein Image als „solider Fachpolitiker abstreifen“ (Spiegel Online)?

Was bislang keiner fragte: Wer wird diesen soliden Fachpolitiker ersetzen? Heil war bislang stellvertretender Fraktionsvorsitzender, zuständig für die Themen Wirtschaft und Energie, Bildung und Forschung. Dass seine Zuständigkeiten Nummer drei und vier gern unterschlagen wurden und Heil dann allein als „Wirtschaftspolitiker“ lief, ist, nebenbei gesagt, eine aussagekräftige Fußnote, wenn man sich für den Stellenwert von Schulen und Hochschulen im Koordinatensystem politischer Berichterstattung interessiert.
Tatsächlich hatte sich Heil seit 2009, genauer: nach seinem ersten Auftritt als SPD-Generalsekretär, die Kompetenz eines führenden Wissenschaftsexperten seiner Partei erarbeitet. Unaufgeregt, pointiert und kenntnisreich galt er vielen als die Stimme sozialdemokratischer Wissenschaftspolitik und als möglicher Wissenschaftsminister, erst recht nachdem sich die ihm nachgesagten Ambitionen auf den Job des Wirtschaftsministers nicht erfüllt hatten. Das erstaunlich konkrete SPD-Positionspapier zur Zukunft der Wissenschaftsfinanzierung, versehen mit dem reichlich pathetischen Titel „Zukunftsvertrag für Wissenschaft und Forschung“, entstand unter seiner Führung. Zuletzt arbeitete Heil hinter den Kulissen am innovations- und wissenschaftspolitischen Programm von Martin Schulz. Zusammen mit der Bildung soll es das zentrale zweite Standbein im Wahlkampf werden neben der bereits reichlich ausgewalzten Forderung nach sozialer Gerechtigkeit und so die Zukunftsfähigkeit der Sozialdemokraten signalisieren.
Dass die SPD-Wissenschaftspolitik nicht einmal vier Monate vor der Bundestagswahl ihren wichtigsten Vordenker abgeben muss, ist eine schlechte Nachricht für die Forschercommunity. Die Partei insgesamt muss aufpassen, jetzt nicht die gerade erst gewonnenen hochschulpolitischen Konturen wieder einzubüßen. Der Fachpolitiker Heil weiß das genau. Doch für den Generalsekretär Heil sind Bildung und Forschung plötzlich nur noch zwei Themen unter vielen.
   
   
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