Kompass für die Rüstungsexportpolitik | Beuth-Debatte | Hochqualifizierte Gepäckträger | 3 ½ Fragen an Oliver Scheytt

 
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Liebe Leserinnen und Leser,
Politikberater vor. Die FDP wünscht sich in der umstrittenen bundesdeutschen Rüstungsexportpolitik „systematisches Wissen“ (Das ist wichtig). Die Beuth-Hochschule will herausfinden, wie gut sich ihre Profs und Studierenden in der Auseinandersetzung mit dem antisemitischen Namensgeber Christian Peter Wilhelm Beuth informiert fühlen. Und Indiens Premier Narendra Modi hält eine Statistik zurück. Oliver Scheytt beschäftigt sich im Fragebogen sich mit der eierlegenden Wollmilchsau, Reinhold Messner und der Planung des Unmöglichen. Und im c.t. servieren wir eine kulinarische Neuheit in Ohio.
   
 
 
 
 
Das ist wichtig
 
 
   
 
  
Kompass für die Rüstungsexport-Politik
Im parteipolitischen Dauerstreit um die deutsche Sicherheits- und Rüstungspolitik soll nun die Wissenschaft helfen. Das zumindest wünscht sich die FDP-Bundestagsfraktion. Die Oppositionspartei beantragt, “ein Forschungsprogramm zu initiieren, das Rüstungsexporte und ihre Folgen aus außenpolitischer, sicherheitspolitischer, volkswirtschaftlicher und technologischer Sicht betrachtet“ (PDF). Welches Volumen das Forschungsprogramm haben sollte, lässt die FDP in dem Papier offen. Klar ist immerhin das Ziel: Das systematische Wissen soll ein „Kompass“ für die bundesdeutsche Rüstungsexportpolitik sein. Auf hochschulpolitischer Ebene hat die FDP den Weg zur Militärforschung gerade in Nordrhein-Westfalen geebnet, wo sie als Juniorpartner der CDU mitregiert. Die von den Koalitionären entwickelte Hochschulnovelle (PDF) wird seit einer guten Woche im Landtag beraten und ist umstritten (WDR). So soll die sogenannte Zivilklausel gestrichen werden, die den Hochschulen bislang Militärforschung untersagte. SPD und Grüne im Landtag kritisieren das genauso wie die Allgemeinen Studierenden-Ausschüsse (Bochumer Stadt- und Studierendenzeitung). Weitere Knackpunkte der Novelle sind aus Studierendensicht die Optionen zur Einführung der Anwesenheitspflicht und die Möglichkeit, die Mitbestimmungsrechts der Studierenden zu beschränken. Die Hochschulen begrüßen die Reform und sehen in ihr ein Bekenntnis des Landes zur Autonomie. 
  
 
 
Namensdebatte: Beuth-Hochschule startet internen Wissenstest
Man kennt das aus der Schule. Erst wird Wissen vermittelt, dann das Gelernte überprüft. Wenn sich die rund 14.000 Angehörigen der Berliner Beuth-Hochschule also gerade wie Schüler fühlen, ist das ganz normal. In der Auseinandersetzung mit ihrem antisemitischen Namensgeber Christian Peter Wilhelm Beuth (1781– 1853) startet die Hochschule in diesen Tagen einen internen Wissenstest. Eine Umfrage soll zeigen, was Professoren, Studierende und Verwaltungsbeschäftigte denn nun eigentlich von den Informationen und Positionen mitbekommen und behalten haben, die während der Umbenennungs-Debatte in den vergangenen Monaten über Beuth und dessen Tauglichkeit als Hochschulikone gesammelt wurden (rbb, Berliner Zeitung). Die Umfrage, so der Plan von Hochschulpräsidentin Monika Gross, soll aber auch etwaige Wünsche und Bedarfe für die weitere Beuth-Debatte offenbaren. Gross‘ erklärtes Ziel: "Alle Hochschulangehörigen sollen sich in Kenntnis aller Fakten selbständig ein Urteil bilden können" (Süddeutsche Zeitung). Ob und wie das gelingt, ist natürlich auch eine Frage der Wissenschaftskommunikation. Dranbleiben!
  
 
 
Indien: Akademiker als Gepräckträger
Wenige Monate vor den Wahlen gerät Indiens Premierminister Narendra Modi unter Druck. Der war mit dem Versprechen angetreten, Millionen neuer Jobs zu schaffen. Doch nach Informationen des renommierten Centre for Monitoring the Indian Economy gingen Asiens drittgrößter Volkswirtschaft allein im vergangenen Jahr elf Millionen Stellen verloren. Die Arbeitslosenquote hat nunmehr den höchsten Stand seit 45 Jahren erreicht, berichtet die New York Times unter Berufung auf geleakte Informationen der indischen Wirtschaftszeitung Business Standard. Die Zahlen beruhen auf einem Bericht der nationalen Statistikbehörde, den die Regierung Modi gegen Proteste zurückhält. Traditionell besonders dramatisch ist die Arbeitslosenquote bei Akademikern. Sie war schon 2015 mit mehr als 16 Prozent beinahe doppelt so hoch wie die von Schulabgängern (NZZ). Jährlich treten acht bis zwölf Millionen Inder ins Berufsleben ein. Aus Mangel an Stellen für Hochqualifizierte bewerben sich Akademiker auch für Jobs wie Gepäckträger, Putzer oder Gleisarbeiter. 63.000 solcher Stellen waren 2018 ausgeschrieben, beworben hatten sich darauf 19 Millionen Menschen, darunter auch Hochschulabsolventen.  
  
   
   
   
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Die Zahl
 
 
   
 
   
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Die Münchner Rückversicherungsgesellschaft Munich Re AG kauft sich beim Deutschen Zentrum für Künstliche Intelligenz ein. Um den Deal perfekt zu machen, fehlt nur noch das formelle Ja aller DFKI-Gesellschafter. 1988 als gemeinnützige GmbH gegründet, unterhält das DFKI Standorte in Kaiserslautern, Saarbrücken und Bremen, und weist nach eigenen Angaben ein Jahresvolumen von mittlerweile knapp 48 Millionen Euro auf. Zu den Gesellschaftern gehören neben den Universitäten Bremen, Saarbrücken und Kaiserslautern  mehrere Industriekonzerne, darunter Airbus, BMW, Bosch, Microsoft, SAP und die Volkswagen AG . Google stieg 2015 ein. Über die Höhe der Beteiligung wurde damals Stillschweigen vereinbart – so wie jetzt. Am DFKI arbeiten nach Eigendarstellung derzeit „555  hochqualifizierte Wissenschaftler, Verwaltungsangestellte und 454 studentische Mitarbeiter aus über 65 Nationen an über 250 Forschungsprojekten“.
 
   
 
   
Quelle: DKFI
   
 
 
   
 
 
   
 
 
 
 
3½  Fragen an…
 
 
   
 
   
Prof. Dr. Oliver Scheytt
Professor für Kulturpolitik an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, Inhaber der Kulturexperten GmbH und der Kulturpersonal GmbH

Was haben Sie zuletzt von jemand anderem gelernt?
Bei meiner Ausbildung zum Ausbilder von Kaufleuten für Büromanagement: Einem Auszubildenden beim ersten Anwenden des Gelernten in der Praxis nicht dazwischenzureden. Das lässt sich auf zahlreiche weitere Situationen gemeinsamen Lernens übertragen: Bildung braucht Zeit und Ruhe. Entwicklungen sollten zugelassen und nicht schon im ersten Moment korrigierend unterbrochen werden. Dies gilt dann auch für die gemeinsame Reflexion des Erprobten.
 
Welches wissenschaftspolitische Problem lässt sich ohne Geld lösen?
In den zur Besetzung von Schaltstellen in der Wissenschaft(spolitik) verantwortlichen Gremien: Eine gemeinsame Haltung zu den Anforderungen an die gesuchte Person entwickeln, um sodann mit Integrität, Empathie und dem unbedingten Willen zur Qualität die bestgeeigneten Rektor*innen, Kanzler*innen, Professor*innen, Ministeriumsmitarbeiter*innen etc. zu finden. Eine vertiefte Reflexion des Gewollten sollte auch vom Bewusstsein getragen sein, dass der Mut des Entscheidungsgremiums für den Erfolg einer Stellenbesetzung konstitutiv ist, denn die „eierlegende Wollmilchsau“ ist eine Fiktion. Jede der möglichen Entscheidungen für oder gegen eine Persönlichkeit zielt auf ein Profil und damit auf die Ausrichtung der jeweiligen Wissenschaftsorganisation.
 
Lektüre muss sein. Welche?
Georg Franck: Mentaler Kapitalismus. Eine politische Ökonomie des Geistes, Carl Hanser Verlag 2005 – nach wie vor hochaktuell, hat der Autor doch früh vorausgesehen, dass diejenigen die höchsten Gewinne machen werden, die unsere Emotionen und täglichen Entscheidungen via Internet vollständig auswerten können.
 
Und sonst so?
Das Unmögliche möglich zu machen, bedarf nach Reinhold Messner intensivster Planung: Doch schließlich wird sich nur ein Drittel wie geplant realisieren (lassen), ein Drittel ereignet sich ganz anders als vorgesehen und das letzte Drittel wird einem dann geschenkt.
   
 
   
 
 
   
 
 
   
   
   
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Diese Woche in der ZEIT
 
 
   
Sie retten jetzt die Welt Die Schülerproteste könnten ein Wendepunkt in der globalen Klimapolitik sein Sie müssten in der Schule sein Demo statt Unterricht – auf nach Berlin! Ein Reisebericht  
 
Vier für alle Klima, Bildung, Waffengesetze – diese jungen Menschen nehmen ihre Welt selbst in die Hand Aufstehen, Brexit ist fertig! Der EU-Ausstieg bedroht die britischen Universitäten. Wie geht die internationalste Hochschule Englands damit um? Fragen an Alice Gast, die Präsidentin des Imperial College London Kein Geld von Antidemokraten! Universitäten sollten keine Drittmittel von autoritären Staaten annehmen. Plädoyer für eine demokratische Selbstverpflichtung
 
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c.t.
 
 
   
 
 
Die kulinarische Neuheit an der Ohio State University: Pizzen aus dem ATM, wahlweise mit Käse oder Pepperoni, für umgerechnet 6,90 Euro. Mehr zur Genese und zum Bestellvorgang der Pizzen gibt es hier. Im Video bitte beachten: Im Hintergrund läuft bayerische Blasmusik!

Quelle: Ohio State News
 
 
 
 
 
   
Vielleicht gehen wir diese Woche doch mal richtig italienisch essen.

Ihr CHANCEN-Team


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