Marion Kiechle unter Druck | Endowment in Lübeck | Anja Karliczek in Sommerstimmung | 3 ½ Fragen an Detlev Ganten

 
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Liebe Leserinnen und Leser,
gut 100 Tage vor den Landtagswahlen fällt ein Schatten auf Bayerns Wissenschaftsministerin Marion Kiechle und ihre Integrität als Forscherin. Rücktrittsforderungen werden laut. Neuland betritt die Universität Lübeck mit der bundesweit ersten Endowment-Professur. Anja Karliczek gibt sommerliche Interviews (Das ist wichtig), und Detlev Ganten schwört im Fragebogen auf Popper und die Pflicht zum Optimismus.
   
 
 
 
 
Das ist wichtig
 
 
   
 
  
Marion Kiechle unter Druck
Nach gut 100 Tagen im Amt gerät Bayerns Wissenschaftsministerin Marion Kiechle in Erklärungsnot. Als Professorin der TU München hat die Gynäkologin im Februar für ein Produkt in der Krebsmedizin geworben und dabei verschwiegen, dass sie selbst vom Verkauf profitiert (Süddeutsche Zeitung, BR). Nach den Regeln guter wissenschaftlicher Praxis sind solche Interessenkonflikte anzuzeigen. Den Berichten zufolge ist Kiechle zu etwa 10 Prozent an der Therawis Diagnostics GmbH beteiligt, die den Biomarker-Test "therascreen PITX2" auf den Markt brachte. Er soll bei der Entscheidung über Chemotherapieen für Brustkrebspatientinnen helfen. „Dieser neuartige Test bedeutet für uns Ärzte einen großen Fortschritt in der Behandlungsoptimierung“, lässt sich Kiechle in einer Pressemitteilung zitieren. Ihre wissenschaftlichen Titel sind aufgeführt, nicht aber ihre Beteiligung an der Firma. Besondere Brisanz erfährt das Marketing für den Biomarker-Test auch, weil PITX2 noch nicht ausreichend erforscht sein soll, um für den Einsatz im klinischen Alltag empfohlen werden zu können. "Das sind interessante Daten, die weiter validiert werden müssen, bevor sie klinische Anwendung finden", erklärte Nadia Harbeck von der Leitlinienkommission Mammakarzinom dem BR und der SZ. Räumte Kiechle in einer ersten Reaktion ein, dass „es besser gewesen“ wäre, „an dieser Stelle meine Firmenbeteiligung noch deutlicher darzustellen“ (BR), kündigte sie später eine rechtliche Prüfung der Berichterstattung an: "Tatsachen“ würden „mit Fehlinterpretationen und Falschbehauptungen vermengt; das schadet meiner wissenschaftlichen Reputation", sagte die 58-Jährige am Freitag in München (AZ, Passauer Neue Presse). In gut zwei Monaten wird in Bayern gewählt. Die CSU mit Ministerpräsident Markus Söder an der Spitze hing Mitte Juli im Umfragetief bei 38 Prozent (ZEIT-Online). SPD-Fraktionschef Markus Rinderspacher forderte „eine lückenlose Aufklärung“, und Ludwig Hartmann, Spitzenkandidat der Grünen, legte Kiechle einen Rücktritt nahe: „Wer im wissenschaftlichen Bereich trickst und täuscht, ist für das Amt der Wissenschaftsministerin denkbar ungeeignet" (SZ, BR). Söder stellte sich noch am Freitag hinter seine Ministerin. Rückendeckung erfährt Kiechle auch von TUM-Präsident Wolfgang Herrmann. Die Vorwürfe ließen „jedes Augenmaß vermissen“ und gingen „an der exzellenten wissenschaftlichen und klinischen Arbeit der Gynäkologin grob vorbei“, erklärte Herrmann in einer Pressemitteilung.
  
 
 
Endowment in Lübeck
Gehen die Hoffnungen der Volkswagenstiftung und des Stifterverbands auf, hat die Universität Lübeck Geschichte geschrieben. Mit einem Grundkapital von insgesamt vier Millionen Euro wurde dort die bundesweit erste Lichtenberg-Stiftungsprofessur geschaffen (NDR, Lübecker Nachrichten, Focus). Eine Hälfte gaben die Volkswagenstiftung und der Stifterverband, die andere Hälfte stammt von der Possehl-Stiftung und weiteren vier Stiftungen aus der Region. Von den Kapitalerträgen wird eine Professur für Neurobiologie zur Erforschung der Inneren Uhr dauerhaft finanziert. Henrik Oster hat die Stelle bekommen und ist damit der bundesweit erste Inhaber einer Endowment-Professur. Diese Finanzierungsform hat in den USA Tradition – und soll nun auch in Deutschland Schule machen. Das zumindest hoffen die Volkswagenstiftung und der Stifterverband, die die Initiative fördern. Je eine Million Euro geben sie Universitäten, die privates Kapital in Höhe von drei Millionen Euro akquirieren können. Mit dem Geld sollen Professuren für Wissenschaftler aus „innovativen, zukunftsträchtigen und risikoreichen Forschungsfeldern“ geschaffen werden. Weitere Informationen zum Programm gibt es hier.
  
 
 
Anja Karliczek in Sommerstimmung  
In der politischen Sommerpause geben Politiker gern Einschätzungen zu Fragen und Themen ab, die jenseits ihres unmittelbaren Hoheitsgebiets liegen. Bundesforschungsministerin Anja Karliczek macht also keine Ausnahme, wenn sie in diesen heißen Tagen ihre Ansicht zur Causa Özil („sehr unglücklich gelaufen“, Tagesspiegel) genauso kundtut wie die zum Burkini im schulischen Schwimmunterricht („da ist Flexibilität gefragt“; Stuttgarter Nachrichten) oder auch zum Vorgehen der bayerischen Polizei gegenüber Schulschwänzern vor dem Abflug in die Ferien („in Deutschland gilt Schulpflicht, und Regeln müssen eingehalten werden“, Stuttgarter Nachrichten). Dazwischen kümmert sich Karliczek schon auch um die Wissenschaft, präzise gesagt, ums KIT. An der vor gut zehn Jahren aus der vom Land getragenen Universität Karlsruhe und dem größtenteils vom Bund finanzierten Forschungszentrum Karlsruhe fusionierten Wissenschaftseinrichtung soll nun „das Wir-Gefühl“ gestärkt werden. "Alle Beschäftigten des KIT sollen gleichen, einheitlichen Regeln unterliegen und alle sollen in gleicher Weise die Infrastrukturen nutzen können. Das ist gut für die Belegschaft des KIT und somit auch gut für dessen wissenschaftliche Exzellenz“, erklärte Karliczek bei ihrem Besuch in Karlsruhe. Grundlage für die Organisation soll künftig das Landesrecht werden. Aktuell müssen am KIT zwei Haushalte nach Landes- und nach Bundesrecht geführt werden und Leistungen gegenseitig intern in Rechnung gestellt werden.
  
   
   
   
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Die Zahl
 
 
   
 
   
270
Wikipedia-Einträge hat Jess Wade, Postdoc am Imperial College London’s Blackett Laboratory, im vergangenen Jahr über Forscherinnen verfasst, um Mädchen für die Wissenschaft zu begeistern. “Wikipedia is a really great way to engage people in this mission because the more you read about these sensational women, the more you get so motivated and inspired by their personal stories”, erklärte die Physikerin im Guardian.
   
 
   
Quelle: Guardian
   
 
 
   
 
 
   
 
 
 
 
3½  Fragen an…
 
 
   
 
   
Prof. Dr. Detlev Ganten
Präsident des World Health Summit und Vorsitzender des Stiftungsrats der Stiftung Charité

Was haben Sie zuletzt von jemand anderem gelernt?
Meine 10-jährige Enkeltochter Karla hat mir gerade eine wertvolle Lektion erteilt zum Thema Erst nachdenken, dann verständlich reden: „Opa, wenn andere nicht verstehen, was Du sagst, dann muss es ja nicht immer an den anderen liegen. Vielleicht ist Dir ja selber nicht so klar was Du meinst – sonst würdest Du nicht immer so lange reden!“
 
Welches wissenschaftspolitische Problem lässt sich ohne Geld lösen?
Die immer zunehmende Spezialisierung! Das ist vor allem in der Medizin ein Riesenthema: Ärzte betrachten Patienten zunehmend nur noch über Laborergebnisse und Organuntersuchungen und interessieren sich immer weniger für den Menschen als Ganzes, mit seiner Umwelt und seinem Lebensstil. Auch wenn wir natürlich die besten Spezialisten für unsere Krankheiten wollen –  Gesundheit ist doch viel mehr als Medizin. Was wir dringend brauchen, sind holistische, interdisziplinäre Strukturen und Konzepte. Und zwar in allen wissenschaftlichen Bereichen. Denn nur so können wir die ganz große Herausforderung der Zukunft bewältigen, nämlich den rationalen Umgang mit einer immer komplexeren Welt. Wir müssen ernsthaft (!) nachdenken, radikal umdenken und die Prioritäten in Forschung, Lehre, Bildung und Ausbildung verändern. Und das ist keine Frage des Geldes.
 
Lektüre muss sein. Welche?
Immer wieder der Philosoph Karl Popper, zum Beispiel „Logik der Forschung“ von 1934. Was er sagt, ist gerade heute topaktuell: Die Zukunft ist offen, was richtig oder falsch ist, können wir nicht wissen, aber wir haben die Pflicht zum Optimismus, weil wir Verantwortung übernehmen müssen für eine bessere Welt.
 
Und sonst so?
Nicht alles ist gut – aber das Leben ist wunderbar, weil es endlich ist!
   
 
   
 
 
   
 
 
   
   
   
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Diese Woche in der ZEIT
 
 
   
Wem gehört das Wissen? Elsevier ist der größte Wissenschaftsverlag der Welt. Doch seine Fachzeitschriften lässt er sich teuer bezahlen. Jetzt begehren Forscher auf. Eine Auseinandersetzung, die die Universitäten verändern wird 
 
»Die drucken alles gegen Geld« Wie schlimm sind Fake-Zeitschriften? Und ist der Publikationsdruck wirklich so hoch? Fragen an den Wissenschaftsforscher Stefan Hornbostel Leben auf Probe Ein Theaterprojekt in Stuttgart fördert die Integration von Flüchtlingen Ich seh’ den Sternenhimmel Draußen schlafen, ohne Zelt? Und dann noch mit Kindern, wie soll das gehen? Maximilian Probst hat es versucht. Endlich kann er seinen Söhnen den Großen Wagen zeigen

Zur aktuellen Ausgabe
   
 
 
   
 
 
   
 
 
 
 
c.t.
 
 
   
 
 
Wenn nichts mehr geht, Katzenvideos laufen immer. Millionenfach werden die Filmchen bei Youtube geklickt. Jetzt gibt es endlich auch eine akademische Variante. Zu sehen ist Lisio mit ihrem lässigen Herrchen, dem polnischen Historiker Jerzy Targalski, während eines Live-Interviews für die niederländische Fernsehsendung "Niewsuur" über die politische Lage in Polen. Astrein!

Quelle:Rudy Bouma / Nieuwsuur; Youtube
 
 
 
 
 
   
Eine coole Woche wünscht 

Ihr CHANCEN-Team


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