Fünf vor 8:00: Donald Trumps Erfolg ist teuer erkauft - Die Morgenkolumne heute von Mark Schieritz

 
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FÜNF VOR 8:00
01.08.2018
 
 
 
   
 
Donald Trumps Erfolg ist teuer erkauft
 
Die amerikanische Wirtschaft wächst, für den US-Präsidenten läuft es gut. Doch das könnte sich bald ändern – Donald Trump baut deshalb bereits einen Sündenbock auf.
VON MARK SCHIERITZ
 
   
 
 
   
 
   

Im Jahr 1990 veröffentlichte der amerikanisch-deutsche Wirtschaftswissenschaftler Rudi Dornbusch vom Massachusetts Institute of Technology ein Papier über die Ökonomie des Populismus. Dornbusch unterschied dabei vier Phasen:
 
Phase 1: Alles läuft gut. Die Löhne steigen und die Arbeitslosigkeit geht zurück. Die Welt ist in Ordnung und der Populist fühlt sich bestätigt.
 
Phase 2: Die Alarmzeichen mehren sich. Die Inflation zieht an, das Budgetdefizit des Staates beginnt zu steigen.
 
Phase 3: Die Verschuldung läuft aus dem Ruder, die Inflation nimmt rasant zu, ausländische Investoren ziehen ihr Geld ab. Der Staat muss sparen und kürzt die Zuwendung an seine Bürger. Es wird jetzt allen klar, dass die guten Zeiten vorbei sind.
 
Phase 4: Eine neue Regierung wird ins Amt gewählt und muss die Scherben beseitigen. 
 
Dornbusch hatte sich die Erfahrungen mit populistischen Regierungen in Lateinamerika angeschaut, aber sein Modell beschreibt möglicherweise auch ganz, gut, was sich in den Vereinigten Staaten unter US-Präsident Donald Trump abspielt.
 
Ganz so historisch ist das Wachstum nicht
 
Denn im Moment läuft es für Trump tatsächlich gut. Die Wirtschaft ist im zweiten Quartal dieses Jahres um 4,1 Prozent gewachsen. Das ist zwar keineswegs so historisch, wie Trump und seine Claqueure auf dem Propagandasender Fox News glauben machen wollen. In den USA werden Quartalswachstumsraten annualisiert veröffentlicht – also auf das Jahr hochgerechnet. In der in Europa gängigen nicht annualisierten Darstellungsweise entspricht den 4,1 Prozent ein Wert von etwa einem Prozent.
 
Und: Derartige Wachstumsraten sind in den USA nicht unüblich. Die Vier-Prozent-Marke wurde auch von Trumps Vorgänger Barack Obama vier Mal übertroffen. Oder wie Trump es formulieren würde: Die Rede von den historischen Wachstumserfolgen sind Fake News.
 
Gleichwohl ist die amerikanische Wirtschaft in einer sehr ordentlichen Verfassung, die Arbeitslosigkeit sinkt und die Löhne steigen.
 
Trump verschleudert das Geld
 
Soweit Trump dafür verantwortlich ist, ist diese Entwicklung allerdings teuer erkauft: Die Steuersenkungen des Präsidenten lassen sich aus der Staatskasse eigentlich gar nicht finanzieren. Nach Berechnungen des Haushaltsbüros des Weißen Hauses wird das Etatdefizit im kommenden Jahr auf 5,1 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen, und das nach einer der längsten Aufschwungphasen der Nachkriegszeit.
 
Nun ist es nicht per se ein Problem, wenn ein Staat sich Geld leiht – solange mit diesem Geld etwas Sinnvolles angestellt wird. Aber es ist ja nicht so, dass sich Trump um die Schulen und die Straßen seines Landes kümmert, die außerhalb der großen Ballungszentren vielerorts an ein Drittweltland erinnern. Stattdessen werden die Steuern gesenkt, wovon vor allem die Reichen profitieren. Und offenbar sollen sie sogar noch weiter sinken.
 
Statt die Voraussetzungen für nachhaltiges Wachstum zu schaffen, verschleudert Trump das Geld. Und damit steigt die Gefahr, dass der Kater nach dem Rausch umso größer wird. Das gilt umso mehr, als Donald Trump mit seinen neuen Zöllen das Problem noch verschärft. Sie haben nämlich zur Folge, dass die Preise steigen, weil die Unternehmen weniger günstigen Stahl aus dem Ausland einkaufen können.
 
Schon bald könnte Phase 2 einsetzen
 
Mit anderen Worten: Es ist nicht unwahrscheinlich, dass schon bald Phase 2 des Dornbusch-Schemas beginnt. Den USA droht kein unmittelbarer Einbruch wie einem Schwellenland. Ein solches muss fürchten, dass ihm ausländische Anleger schon bei kleinen Problemen keine Kredite mehr zur Verfügung stellen. Der Dollar aber ist die Weltleitwährung, weshalb die Amerikaner nicht so schnell ohne Kredite dastehen werden.
 
Denkbar aber ist beispielsweise, dass die Inflation anzieht, die Notenbank Federal Reserve die Zinsen schneller erhöhen muss, um die Teuerungsraten nicht außer Kontrolle geraten zu lassen und dadurch die Konjunktur abgewürgt wird. Das wäre dann Phase 3.
 
Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass Trump kürzlich den von ihm selbst eingesetzten Notenbankpräsidenten Jerome Powell vor solchen Zinserhöhungen gewarnt hat. Der Präsident baut offenbar schon einen Sündenbock auf, dem er die Schuld geben kann, wenn sich die Blüte der amerikanischen Wirtschaft als Scheinblüte erweist.
 

 


 
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NEUE ZÜRCHER ZEITUNG "Trump bringt die US-Wirtschaft in Schwung, doch sein grösstes Risiko ist er selbst"
NEW YORK TIMES "Trump’s Numbers on ‘Amazing’ Economy Sometimes Don’t Add Up"
   
 
   
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Fünf vor 8:00 ist die Morgenkolumne von ZEIT ONLINE. An jedem Werktag kommentieren abwechselnd unter anderem Michael Thumann, Theo Sommer, Alice Bota, Matthias Naß, Martin Klingst und Jochen Bittner.