10 nach 8: Fatin Abbas über Migration

 
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14.03.2018
 
 
 
 
10 nach 8


Niemals eine Bürgerin
 
Meine Familie musste aus dem Sudan fliehen. Als Fremde in einer weißen Gesellschaft, ob in den USA oder Deutschland, habe ich viel über Alltagsrassismus gelernt.
VON FATIN ABBAS

Fatin Abbas ist Schriftstellerin und Journalistin, unter anderem schreibt sie für "The Nation" und "Le Monde diplomatique". 2019 erscheint ihr erster Roman "The Interventionists" bei W. W. Norton & Co. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Marie C.
 
Fatin Abbas ist Schriftstellerin und Journalistin, unter anderem schreibt sie für "The Nation" und "Le Monde diplomatique". 2019 erscheint ihr erster Roman "The Interventionists" bei W. W. Norton & Co. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Marie C.
 

1990 packten meine Eltern unsere Sachen und wir verließen den Sudan – unser Heimatland – für immer. Wir ließen Khartum, Familie und Freunde hinter uns und gaben ein beständiges Leben mit guten Jobs und guten Schulen auf. Ein Jahr zuvor, unmittelbar nach dem Putsch und der Machtergreifung Omar al-Baschirs, war mein Vater eines Abends von der Sicherheitspolizei abgeholt worden und blieb verschwunden. Es dauerte Monate, bis meine Mutter herausfand, wo er festgehalten wurde, ob er überhaupt noch lebte und es ihm gut ging. Auf Anordnung des Regimes wurde er an der Universität entlassen. Und wir verloren unser Haus, in dem wir dank seines Professorenjobs gelebt hatten.

Über Nacht war meine Mutter Alleinversorgerin dreier Kinder geworden und die Sicherheit meines Vaters war bedroht. Immerhin kam er nach einem Jahr in Haft unversehrt aus dem Gefängnis, anders als viele andere Regimekritiker, die gefoltert und getötet worden waren. Doch meine Eltern hatten genug. Und so trafen sie die schwierige Entscheidung, in die USA zu gehen.

Beinahe dreißig Jahre nach unserer Emigration ist im Sudan noch immer dieselbe Diktatur an der Macht, die uns damals aus dem Land trieb. Die Wirtschaft ist eine Katastrophe. Es hat endlose Bürgerkriege gegeben. Das Bildungssystem wurde zerstört und Menschenrechte wurden verletzt. Mein Onkel, der im Sudan geblieben ist, wurde erst dieses Jahr, im Alter von 70 Jahren, als Regimekritiker verhaftet.

Ich erzähle die Geschichte unserer Emigration so ausführlich, um deutlich zu machen, dass Menschen gute Gründe haben, wenn sie ihre Heimat verlassen. Menschen flüchten, weil sie in Gefahr sind. Weil ihre Kinder in Gefahr sind, weil ihre Lebensgrundlage zerstört wurde und weil sie sich großen Risiken aussetzten, wenn sie blieben. Menschen lassen nicht alles zurück, weil sie arbeitsscheue Gammler sind, die den Wohlstand des Westens ausnutzen wollen, so wie es zuweilen dargestellt wird. Sie gehen aus Not und nehmen in Kauf, in der Fremde vielleicht nie ganz anzukommen.

Meine Mutter bewarb sich in New York für eine Stelle bei den Vereinten Nationen, sie hatte im Sudan bereits für die UN gearbeitet. Und wie durch ein Wunder bekam sie die Stelle. Ihr Job bedeutete Privilegien, er bedeutete, dass wir mehr oder weniger reibungslos von einem Mittelschichtsleben in Khartum in ein Mittelschichtsleben in New York wechseln konnten. Dass wir in guten Wohngegenden lebten und meine Schwestern und ich gute Schulen und Universitäten besuchen konnten.

Unser Umzug in die USA verlief leichter und problemloser als viele der traumatischen Übersiedlungen anderer Migranten und Geflüchteter. Und doch kamen mit dem Wechsel auch Probleme. Aus der Ferne hatte unsere neue Heimat mit dem Versprechen des utopischen Schmelztiegels gelockt. Doch von Nahem betrachtet wurde klar, dass die USA ein Land waren, dessen Geschichte untrennbar mit rassistischer Gewalt verknüpft ist. Ein Land, das auf dem Völkermord an den First Nations und der Versklavung von Afrikanern gründet. Ein Land, das Donald Trump zum Präsidenten gewählt hat und in dem die Tötung afroamerikanischer Männer, Frauen und Kinder durch die Polizei keine Seltenheit ist. 

Die USA brüsten sich damit, "ein Land der Migranten" zu sein, doch den meisten Migranten gelingt die Anpassung an eine amerikanische Identität, wie Toni Morrison einst schrieb, nur "auf dem Rücken von Schwarzen". Indem sie sich den tief verwurzelten Rassismus gegenüber Afroamerikanern aneignen, der wesentlicher Bestandteil der amerikanischen Gesellschaft ist.

Was die USA Deutschland voraushaben

Mit all diesen Widersprüchen wurde ich als Achtjährige in den USA begrüßt. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich "Schwarz". Es war das Erste, was Menschen an mir wahrnahmen, es bestimmte, wie sie mich behandelten, was sie von mir erwarteten und dachten. Im Laufe der Jahre wurde meine Intelligenz infrage gestellt. Ich wurde rassistisch beschimpft. Man hatte mich in Geschäften auf dem Kieker, weil ich selbstverständlich auf Ladendiebstahl aus war. Und ich lief stets Gefahr, von weißen Mitschülern, Kommilitonen oder Kollegen unterbrochen, ignoriert und unterminiert zu werden. Trotzdem profitierte ich als afrikanische Migrantinaus derMittelschicht von einem subtilen Privileg. Mein Englisch galt als "ordentlich" und ich galt als "hübsch", zumindest für ein schwarzes Mädchen.

Mein Schwarzsein exponierte mich, doch meine Klassenzugehörigkeit schützte mich. Und als Inhaberin eines "Erste-Welt-Passes" konnte ich bald ungehindert reisen. Seit zwei Jahren lebe und arbeite ich nun in Berlin, wo ich mich ausgesprochen wohlfühle. Doch auch hier existiert die Unterscheidung zwischen einem "wir" und den "anderen". Und eines überrascht mich dabei: Es überrascht mich, dass Deutschland im Vergleich zu den USA noch unbeholfener mit den Themen Migration, race und Rassismus umgeht. 

Den offenkundigen Rassismus in den USA mal beiseite, ist dort beispielsweise eine Bindestrich-Identität zu haben, die in Deutschland undenkbar scheint. In den USA besteht kein direkter Widerspruch zwischen einer "amerikanischen" und einer "migrantischen" Identität: Man kann sudanesisch-amerikanisch, chinesisch-amerikanisch oder iranisch-amerikanisch sein. Das eine hebt das andere nicht auf. Das zeigt sich schon in der Tatsache, dass ich noch immer zwei Pässe besitze – den meines Geburtslandes und den meiner Wahlheimat.

Auch besteht in den USA ein Bewusstsein dafür, dass weiße Privilegien noch immer oft als selbstverständlich wahrgenommen werden. Begriffe wie "struktureller Rassismus" oder "Mikroaggressionen" werden generell verstanden und häufig verwendet. Und es gibt einen lebendigen Diskurs über die vielen und subtilen alltäglichen Unterdrückungsmechanismen. Einen Diskurs, der in Deutschland noch immer kaum stattzufinden scheint.

Viele meiner deutschen Freunde mit Migrationshintergrund sagen, dass, egal wie lange sie oder ihre Eltern im Land leben, egal wie gut sie die Sprache sprechen, egal wie produktiv sie in der Gesellschaft sind: Sie werden nicht als gleichberechtigte Bürger angesehen oder behandelt.

Dieser höfliche Rassismus

Trotzdem wird die Diskriminierung, mit der People of Color in Bezug auf Wohnen, Bildung oder Arbeit in Deutschland konfrontiert sind, nur selten mit Rassismus in Verbindung gebracht. Da helfen auch keine Berichte und Studien, die bestätigen, wie eingeschränkt der Zugang zu gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Möglichkeiten für diese Menschen ist.

Die liberale Mitte zeigt sich zwar oft entsetzt über den Aufstieg von Parteien und Bewegungen wie AfD oder Pegida. Doch sie verdrängt dabei, dass der Zuspruch für Institutionen am äußersten rechten Rand keine bloße Verirrung ist, sondern Symptom einer tiefer greifenden Misere. Ein Symptom, das deutlich macht, was in der Gesellschaft bereits weitgehend akzeptiert ist. Denn selbst wenn AfD und Pegida verschwänden, würden die höflicheren, schleichenden Formen des Rassismus doch weiterbestehen.

Natürlich gibt es diesen schleichenden Rassismus auch in den USA, ebenso die viel extremeren Formen. Doch gibt es dort eben auch eine Sprache, um das alles zu identifizieren. Es wird allgemein anerkannt, dass Rassismus existiert. Und es gibt in vielen Institutionen Programme, die einen leisen – und weniger leisen – Rassismus überwinden wollen.

Vielleicht ist es langsam ja auch in Deutschland an der Zeit, sich dieser Themen anzunehmen. Wenn Hoffnung dafür besteht, dann liegt sie jedenfalls bei den Deutschen, denen ich hier begegnet bin: Menschen unterschiedlichster Hintergründe und ethnischer Herkunft, die gegen Rassismus aufstehen und ihn thematisieren. Deutsche, die Berlin für mich zum Zuhause gemacht haben und mir das Gefühl geben, hier aufgehoben zu sein – zumindest eine Weile lang.

Übersetzt von Ekpenyong Ani



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