Fußnoten vom Wissenschaftsrat | Thüringen verabschiedet Hochschulnovelle | Forscher-Appell an Mark Zuckerberg | 3 ½ Fragen an Volker Stollorz

 
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Liebe Leserinnen und Leser,
heute ist Brückentag oder – wie es in Österreich so hübsch heißt – Fenstertag. Womit wir auch schon beim Top-Thema der Woche wären. Der Wissenschaftsrat veröffentlicht heute ein Positionspapier zur Zukunft des Hochschulpakts und lehnt sich damit in aller Vorsicht aus dem Fenster. Thüringen bekommt nach viel Weh und Ach ein neues Hochschulgesetz. Mark Zuckerberg erhält Post von Forschern, die an Facebook-Daten wollen. Und Volker Stollorz denkt im Fragebogen über Wissenschaftskommunikation, Inkompetenz und Fake News nach.
   
 
 
 
 
Das ist wichtig
 
 
   
 
  
Stramme Fußnoten im Paktpapier
Kenner der Szene wissen: Die Fußnoten in den Empfehlungen des Wissenschaftsrates verraten oft mehr als 1000 Worte im jeweiligen Haupttext. Je brisanter das Thema, desto lesenswerter die Fußnoten, lautet eine Faustregel bei der Exegese von WR-Papieren. Deren Anwendung empfiehlt sich auch bei der Lektüre des Positionspapiers „Hochschulbildung im Anschluss an den Hochschulpakt 2020“, das die Kölner Experten am heutigen Montag veröffentlichen. Der Wissenschaftsrat startet damit die heiße Phase in der Debatte zur Zukunft des milliardenschweren Bund-Länder-Förderprogramms für die Hochschullehre. Das ist für sich genommen schon eine Sensation. Denn: In aktuellen, politisch hochbrisanten Streitfragen erhebt der Wissenschaftsrat seine Stimme üblicherweise genau nicht. Dass er beim Hochschulpakt von der Linie abweicht, geschieht, weil es Bund und Länder so wollen. Das Papier ist eine politische Auftragsarbeit. Und offenbar eine, mit der die Kölner Experten ihre liebe Not hatten. Mit knapp 73 Seiten ist dieses Positionspapier fast doppelt so dick ist wie seine älteren Geschwister. Die neuralgischsten Fragen wie die nach angemessenen Betreuungsrelationen sind enthalten, werden aber nur ungefähr beantwortet und nicht mit aktuellen Forderungen unterlegt. In den besonders lesenswerten Fußnoten Nr. 50 und Nr. 51 retten sich die Experten, indem sie auf frühere Empfehlungen verweisen. „Auf Anpassungsbedarfe bei der Kapazitätsberechnung wurde wiederholt hingewiesen“, heißt es dort sibellinisch. Erklärungen zu dem rätselhaften Papier findet sich im Blog von Jan-Martin Wiarda, der mit der WR-Vorsitzenden Martina Brockmeier sprach. Ob die Politik das Positionspapier ernst nimmt und umsetzt, ist fraglich. So empfiehlt der Wissenschaftsrat dem Bund und den Ländern nämlich, den Hochschulpakt in Analogie zum Pakt für Innovation und Forschung künftig mit jährlichen Budgetzuwächsen zu versehen (S. 44). Ein Bonbon für die Hochschulen, eine Kröte für Finanzpolitiker.
  
 
 
Thüringen: Landtag verabschiedet Hochschulnovelle
Das jahrelange, zähe Ringen um ein neues Hochschulgesetz in Thüringen ist beendet. Vergangenen Freitag verabschiedete der Erfurter Landtag die Reform aus dem Haus von Wissenschaftsminister Wolfgang Tiefensee. Sie gibt allen Statusgruppen im Senat die gleichen Mitbestimmungsrechte – nur nicht in Fragen von Forschung und Lehre. Dort behalten Professoren das letzte Wort und damit die Vorherrschaft. Dieser Punkt war im Vorfeld besonders stark umstritten. Es bleibe unklar, „wie im Konfliktfall eine Einigung darüber erzielt werden soll, welche Themen Forschung und Lehre „unmittelbar“ berührten und welche nicht“, kritisierte der Deutsche Hochschulverband in einer Stellungnahme.
  
 
 
Forscher-Appell an Mark Zuckerberg
Er ist einer der Buhmänner im Facebook-Skandal, der Cambridge-Forscher Alexander Kogan. Mit einer App hatte Kogan die Daten von Millionen Facebook-Nutzern gesammelt und an SCL, die Firma hinter Cambridge Analytica, weitergegeben. Ein No-Go mit weitreichenden Folgen nicht nur für Kogan. Als Reaktion auf den Skandal kündigte der Internetkonzern Restriktionen für den Datenzugang an, der auch die Wissenschaft betrifft (facebook, Policy Review). In einem Offenen Brief fordern Forscher aus aller Welt nun von Mark Zuckerberg, die Facebook-Daten weiter für die Wissenschaft zur Verfügung zu stellen (Conversation) – und zwar in den Bahnen guter wissenschaftlicher Praxis. Das link zu dem Aufruf findet sich hier.
  
   
 
 
   
   
   
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Die Zahl
 
 
   
 
   
600
Wissenschaftler aus 72 Staaten haben vergangene Woche in Berlin weltweit Solidarität mit bedrohten Forschern und zivilgesellschaftliche Wachsamkeit bei Einschränkungen in der Wissenschaftsfreiheit gefordert. „Wir sind alle potenzielle Scholars at risk“, erklärte Judith Butler während ihrer Rede an der FU Berlin, Universitäten müssten „Zufluchtsorte“ sein.
   
 
   
   
Quelle: Tagesspiegel
   
   
 
 
   
 
 
   
 
 
 
 
3½  Fragen an…
 
 
   
 
   
Volker Stollorz

Redaktionsleiter, Science Media Center Germany
Was haben Sie zuletzt von jemand anderem gelernt?
Mir ist kürzlich klar geworden, warum es Menschen manchmal schwerfällt, in einem Bereich, in dem sie faktisch inkompetent sind, ihre eigene Inkompetenz zu erkennen. Die Arbeitsgruppe von Rainer Bromme an der Universität Münster hat dazu ein erhellendes Experiment mit Laien ersonnen. Nachdem Versuchsteilnehmer populäre Zeitungsartikel gelesen hatten, die sich an ein Laienpublikum richteten, schätzten die Leser ihr Wissen deutlich zuversichtlicher ein als nach Lesen einer Fachpublikation. Das führt zu der beunruhigenden Frage, ob die Popularisierung von Wissenschaft Laien womöglich dazu verleitet, ihr Unwissen schlicht zu unterschätzen? Viele, die Fehlinformationen verbreiten, erkennen meist ihre eigene Inkompetenz nicht, weil sie felsenfest glauben, dass sie kompetent urteilen können über Zusammenhänge, die sie nicht durchdrungen haben. Wie es dazu kommt, beleuchtet eine weitere wichtige Publikation des bekannten Psychologen Gordon Pennystock, der dem berühmten Dunning-Krueger Effekt eine neue Facette entlockt hat. Danach fallen Menschen womöglich auf Fake News rein, weil sie nicht zu Ende denken. Und eben nicht aus dem Grund, weil sie ihre Identität mit passenden Argumenten zu bestätigen versuchen. Sollte das zutreffen, dann bliebe Hoffnung für Aufklärer: Inkompetente Menschen könnten sich durch „Kompetenzsteigerung“, ergo Bildung, einen Einblick in ihre eigene Inkompetenz im Umgang mit komplexen Wissensbeständen verschaffen. Der „wahre Zweck der wissenschaftlichen Methode“, schrieb einst Robert Pirsig in seinem wunderbaren Buch „Zen und die Kunst der Motorradwartung“, sei es sicherzustellen, dass die „menschliche Natur uns nicht dazu verleitet zu glauben, dass wir etwas wissen, wenn wir es eigentlich nicht wissen.“
 
Welches wissenschaftspolitische Problem lässt sich ohne Geld lösen?
Es wird endlich Zeit aufzuhören, die natürliche Selektion von schlechter Wissenschaft dadurch zu befördern, dass junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Basis irreführender Metriken beurteilt werden. Alle Evidenz beweist: Wer auf der Basis von Impact-Faktoren das künftige Potenzial von wissenschaftlichen Talenten zu erkennen sucht, der belohnt am Ende weniger originelle Forschungsprojekte.
 
Lektüre muss sein. Welche?
Gute Bücher. Derzeit lese ich mit Bestürzung, wie Demokratien sterben: „How Democracies Die“ von Steven Levitsky.
 
Und sonst so?
Kürzlich half mir eine chinesische Weisheit weiter: „Wenn Du loslässt, hast Du plötzlich zwei Hände frei.“
   
 
   
 
 
   
 
 
   
   
   
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In der Doktorarbeit intelligent Danke sagen, ist das ein Widerspruch in sich? Möglich. Sicher aber ist: Die Diss-Danksagung ist ein ungelöstes Rätsel der Wissenschaft. Vor wenigen Tagen erst löste ein winziger Tweet einen Sturm an Fragen bekümmerter Promovenden aus. Wie danke ich wem wofür und zu welchem Zweck? Eine Patentlösung fanden die eifrigen Twitterer nicht. Leider. Das vorläufig Griffigste zu dem Genre bietet immer noch Thomas Hoeren mit seinem lesenswerten Beitrag „Ich danke meinem Hund“, erschienen 2011 in der DUZ.
 
 
 
 
 
 
   
Eine sonnige Woche!

Ihr CHANCEN-Team


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