Elsevier verklagt ResearchGate | Medizinstudium: Wie auswählen? | Gastkommentar: In der Kommunikationsfalle | Besuch in Harvard

 
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Liebe Leserinnen und Leser,
Semesterstart! Bisschen chaotisch immer (Erstis in der Mensa-Schlange), aber auch voller Möglichkeiten (neue Vorlesungen, Bücher, Diskussionen). Wir wünschen Ihnen allen einen gelungenes Wintersemester! Was sonst noch los ist: ResearchGate wird verklagt, das Medizinstudium wandelt sich, der Vatikan mischt in der Wissenschaftsfreiheit mit. Im Gastkommentar finden Sie heute gleich eine ganze Debatte abgebildet – Jan-Martin Wiardas Kommentar von vergangener Woche über die Notwendigkeit von mehr Wissenschaftskommunikation hat einigen Widerspruch ausgelöst. Wir veröffentlichen eine Replik von Lukas Daubner und Marcel Schütz und verlinken ebendort auf weitere Entgegnungen. Wir hoffen, dass auch Anja Karliczek mitliest, die trifft sich nämlich am Montag mit Wissenschaftlern und Journalisten im Berliner Futurium, um hoffentlich möglichst differenziert über die Zukunft der Wissenschaftskommunikation zu beraten. Und wer sich nach etwas Universitätsglamour sehnt, scrolle bitte zur Fußnote. Manuel J. Hartung war gerade in Harvard unterwegs und berichtet von der Amtseinführung des neuen Präsidenten Lawrence S. Bacow. 
   
 
 
 
 
Das ist wichtig
 
 
   
 
  
Open Science: ResearchGate erneut verklagt
Die Forscherplattform ResearchGate, die in Berlin sitzt und weltweit 15 Millionen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vernetzt, wurde erneut vom Verlagshaus Elsevier verklagt – diesmal in den USA, gemeinsam mit der American Chemical Association. Wie schon 2017, als Elsevier Klage in Deutschland einreichte (das Verfahren läuft noch), geht es um Urheberrechte: Denn wer auf ResearchGate ein Profil anlegt und dort seine Publikationen teilt, umgeht damit die Paywall der Wissenschaftsverlage. Inside Higher Education hat die Klageschrift beschafft; sie ist hier einsehbar. (The Scientist; Nature) Von den Urheberrechtsfragen betroffen sind natürlich auch andere VerlagshäuserSpringer Nature, Cambridge University Press und Thieme haben mit ResearchGate allerdings eine Kooperation vereinbart . Der Mediziner und Gründer von ResearchGate, Ijad Madisch, ist übrigens seit kurzem Mitglied im Digitalrat der Bundesregierung; gerade besuchte er seinen Geburtsort Höfer – die Cellesche Zeitung berichtete.
  
 
 
Medizinstudium: Wie auswählen?
Kaum ein Studiengang ist so beliebt wie Medizin: Das Prestige ist hoch, der Beruf verspricht Ansehen und ein gutes Einkommen. Bekanntlich geht es aber auch in kaum einem Fach so chaotisch zu, wenn es an die Auswahl der Studierenden geht – Stichwort NC und Wartezeiten. Seit das Bundesverfassungsgericht den Ländern und Universitäten ein neues Auswahlverfahren verordnet hat (ZEIT 53/2017), wird gelegentlich etwas nervös diskutiert, wie man selbiges gestalten könnte. An der Universität Lübeck ist man derweil entspannt: hier wurde längst ein persönliches, zeitintensives Auswahlverfahren eingeführt. Unser Autor Marcel Laskus war dabei – seine Reportage über aufgeregte Studienbewerber und die Koordination eines zweitägigen Auswahlmarathons lesen Sie in der neuen ZEIT. – Noch mehr zum Thema finden Sie außerdem in der neuen Titelgeschichte „Medizin im Wandel“ der Forschung & Lehre.
  
 
 
Das akademische Geschlecht
Die Wissenschaftseinrichtungen in Deutschland überschlagen sich fast vor lauter Eifer, Gleichstellungsmaßnahmen einzusetzen – den niedrigen Anteil der Professorinnen erklären inzwischen selbst die konservativsten Knochen zur Chefsache. Ein Erfolg nicht zuletzt der Gender Studies, deren Forschungsgegenstand die Geschlechterfrage in der Akademie seit jeher war. Zugleich aber reißt die Kritik an den Gender Studies nicht ab, gilt sie einigen als ideologisch und unwissenschaftlich. Zurecht? Darüber diskutierten jetzt auf SWR 2 Monika Frommel (Uni Kiel), Stefan Hirschauer (Uni Mainz) und Paula-Irene Villa (LMU München); das Gespräch dauert 45 Minuten und ist hier abrufbar.
  
   
   
   
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Personen
 
 
   
  
In Gottes Namen
Wo die Grenzen der freien Forschung und Lehre verlaufen, wird auch in Rom überwacht. Ansgar Wucherpfennig, seit 2014 Rektor der Theologisch-Philosophischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt/Main, wartet immer noch auf die römische Unbedenklichkeitserklärung („Nihil obstat“) nach seiner Wiederwahl im Februar. Sie steht noch aus, womöglich aufgrund von Äußerungen zur Rolle von Frauen und Homosexuellen, die nicht mit der katholischen Lehre überstimmen. Johannes Siebner, Provinzial der Jesuiten in Deutschland, und der Limburger Bischof Georg Bätzing, haben sich in einer Erklärung hinter den Rektor der Hochschule gestellt: es müsse sich um ein „Missverständnis“ handeln. (FR; FAZ)

Kaufmann für Kanzler
Dieter Kaufmann, Kanzler der Universität Ulm, bleibt für weitere drei Jahre Bundessprecher der Kanzlerinnen und Kanzler deutscher Universitäten. Er amtiert bereits seit 2015.

Puhl für Mannheim
Amtsübergabe an der Universität Mannheim: Ernst-Ludwig von Thadden ist ab jetzt Ex-Rektor, es übernimmt Thomas Puhl. Der Staatsrechtler hat seit 1999 den Lehr­stuhl für Öffentliches Recht, Finanz- und Steuerrecht, Öffentliches Wirtschafts­recht und Medienrecht inne.

Job: Für Deutschland und Frankreich
Parlez-vous français? Die Deutsch-Französische Hochschule sucht eine Generalsekretärin (m/w). Am 1. Juli 2019 soll es losgehen, Dienstort ist allerdings, oh là là, Saarbrücken. Die ganze Anzeigen finden Sie im ZEIT Stellenmarkt.
  
   
 
 
   
 
 
   
 
 
   
 
 
   
 
 
   
   
   
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Gastkommentar
 
 
   
von Lukas Daubner und Marcel Schütz
   
 
   
In der Kommunikationsfalle
Jan-Martin Wiarda kommentierte vergangene Woche an dieser Stelle, die Selektionsprinzipien der Wissenschaft seien verantwortlich, dass der akademische Nachwuchs seine Forschung kaum öffentlichkeitswirksam präsentiere. Daher sei es nötig, künftige Mittelvergaben an eine „Verpflichtung zur Kommunikation nach außen“ zu knüpfen.
Vielleicht war das als bewusste Überzeichnung gemeint. Nur ist damit zu rechnen, dass manche es ernst nehmen, was in eine simple Beschreibung von Wissenschaft führt. Die empirisch unbegründete „Kommunikationskrise“ wird von einer kleinen, lauten Gruppe ausgemacht. Resultate, so heißt es, müssen besser vermittelt werden, um Legitimation zu erhalten. Auffällig ist, dass an andere steuerfinanzierte Einrichtungen wie Ämter oder Gerichte vergleichbare Forderungen nicht gerichtet werden. Und diese Institutionen sind meist weniger zugänglich als Hochschulen.
Weltfremd wird das Klischee von verschrobenen Gelehrten gepflegt, die in ihrem Elfenbeinturm unverständlich vor sich hin brabbeln. Wer aber sind die ganzen Forscher in Zeitungen, Talkshows und Twitter-Timelines? Zumal die Zeiten vorbei sein dürften, in denen die Nase gerümpft wird, wenn eine Kollegin ihre Arbeit medial platziert. Ganz im Gegenteil loben Fachgesellschaften für Vermittlung Preise aus. Kurz, nie zuvor wurde so viel Wissenschaft kommuniziert.
Massenmediale Interventionen aus der Universität können Wissen vermitteln. Allerdings muss Wissenschaft nicht begeistern. Forderungen nach einem Marketing für akademische Arbeit können zum Gegenteil des Gewünschten führen: Nicht mehr Wertschätzung für Wissenschaft, sondern Unverständnis, warum „für sowas“ der Steuerzahler Geld hergeben muss, sind das Ergebnis. – Debatten, die zu nichts führen. Im Ergebnis könnte das laute Fordern den Effekt haben, dass Wissenschaft von ihrer Öffentlichkeitswirksamkeit abhängt.
Die mit Vehemenz vorangetriebene Diskussion um angeblich ungenügende Außenkommunikation ist weit fortgeschritten. Und doch stagniert sie im bloßen Meinen. Der argumentierte Zweifel wird nicht mehr gehört. Dies verhindert eine reflektierte Debatte darüber, was Wissenschaftskommunikation leisten kann und soll. So ersetzt Glaube Wissenschaft und fast scheint es, als sei man in eine Kommunikationsfalle hineingeraten: Zu viel Kommunikation über Kommunikation.

Lukas Daubner promoviert und lehrt an der Universität Bielefeld. Marcel Schütz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Oldenburg.

Weitere Repliken auf Jan-Martin Wiardas Standpunkt aus dem ZEIT CHANCEN Brief vom 4. Oktober 2018 kamen außerdem von Josef König in seinem Blog und von Antonia Rötger auf wissenschaftskommunikation.de.

Siehe außerdem in der aktuellen ZEIT im Ressort WISSEN den Beitrag von Reinhard Hüttl (Geoforschungszentrum Potsdam) und Volker Stollorz (Science Media Center): „Wie man Wissen zugänglich macht“, S. 39.
   
 
   
 
 
   
 
 
 
 
Diese Woche in der ZEIT
 
 
   
Genug der Apokalypse In der Mitte der Gesellschaft herrscht Pessimismus – die Demokratie in der Krise, die Kommunikation gestört. Dieser Fatalismus hemmt unseren Mut. Zeit für einen neuen Bildungsoptimismus – von Bernhard Pörksen

Weißte Bescheid? Die Probleme der Zeit sind groß, die Lösungen klingen immer so einfach: Mehr Wissen, mehr Bildung. Was aber muss man heute wirklich lernen? Vier Bereiche, auf die es ankommt – Vorschläge für Lehrpläne oder das Selbststudium Wählen, wer passt Wie entscheidet sich demnächst, wer Medizin studieren darf? Ein Ortsbesuch an der Universität Lübeck, wo schon heute nicht nur die Abiturnote gilt Alter Ton, neuer Takt Auf der Buchmesse präsentiert sich Georgien als Staat im Aufbruch. Wie sehen das die Jugendlichen? Ein Streifzug durch Tbilissi

Zur aktuellen Ausgabe
   
 
 
   
 
 
 
 
Fußnote
 
 
   
 
   
Amtseinführungen und Rektoratsübergaben sind bisweilen etwas dröge Veranstaltungen. Wer das Glück hatte, vergangenen Freitag an der Amtseinführung des neuen Harvard-Präsidenten Lawrence S. Bacow in Cambridge, Massachusetts, teilzunehmen (wie ich), erlebte sieben Veranstaltungen in einer:
1. Ein Konzert (mit der Weltpremiere eines neu vertonten Bibelverses und der Harvard-Hymne mit neu gedichtetem Ende). 2. Einen Gottesdienst (mit einem Gebet des Harvard-Pfarrers und einem Segen von Bacows Rabbi). 3. Ein Unterhaltungsprogramm (MIT-Präsident Rafael Reif hielt ein lustige Rede: der neueste „Hack“ des MIT sei, dass sie ihren früheren Kanzler Bacow als Harvard-Präsidenten installieren konnten). 4. Ein Sommerfest (mit Zuckerwatte und Harvard-Keksen). 5. Eine Amtsübertragung (mit Übergabe zweier Siegel, zweier Schlüssel und einer Urkunde). 6. Eine akademische Feier (mit hunderten von Gästen in Talaren und klugen Grußworten) – Und 7. eine eminent politische Veranstaltung. Denn Bacow hielt eine Rede, in der er die drei Kerne der Universität ausbuchstabierte: Wahrheit, Exzellenz und Chancen. 
Er rief dazu auf, dass Harvard  sich politisch öffnen müsse – was unter manchen der mehrheitlich linken Studenten und Professoren für Aufregung gesorgt haben dürfte. Bacow sagte: “There are both reassuring truths and unsettling truths, and great universities must embrace them both. Throughout human history, the people who have done the most to change the world have been the ones who overturned conventional wisdom, so we should not be afraid to welcome into our communities those who challenge our thinking. (…) At Harvard, our alumni span the political and philosophical spectrum (…). Here in Harvard Yard, we must embrace diversity in every possible dimension, because (…) we learn from our differences — and that includes ideological diversity.”
Hier kann man die ganze Rede nachlesen. Und das Studentenmagazin Harvard Crimson hat einen Foto-Essay online gestellt.
Manuel J. Hartung 
   
 
   
 
 
   
Embrace diversity!

Ihr CHANCEN-Team


PS: Gefällt Ihnen der CHANCEN Brief, dann leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an – unter www.zeit.de/chancen-brief. Dann schicken wir Ihnen den Newsletter, solange Sie wollen, immer montags und donnerstags zu.
 
 
 
 
   
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