10 nach 8: Imra Surriya Hurra über Syrien

 
Wenn dieser Newsletter nicht richtig angezeigt wird, klicken Sie bitte hier.

 

06.12.2017
 
 
 
 
10 nach 8


Gespenster des Terrors
 
Die Mafiagruppe Schabiha hat Syrien noch immer fest im Griff. Bis sie auch dem Assad-Regime zu gefährlich wird, bringt sie der Küstenregion Schrecken und Tod.
VON IMRA SURRIYA HURRA

Syrische Rebellen im Kampf gegen die regimenahe Schabiha-Miliz im Nordwesten Syriens © Omar Haj Kadour/AFP/Getty Images
 
Syrische Rebellen im Kampf gegen die regimenahe Schabiha-Miliz im Nordwesten Syriens © Omar Haj Kadour/AFP/Getty Images
 
 

Ein Auto rast durch die City, ein bärtiger Mann reckt sich aus dem Wagenfenster und schießt in die Luft.

Was erst einmal wie eine Szene aus einem Actionfilm wirkt, war in den Achtzigern und beginnenden Neunzigern Alltag in meiner kleinen Küstenstadt Latakia. Die "Schabiha", wie wir die Schlägerbanden der syrischen Mafia nennen, waren Eskorten von einflussreichen Familienmitgliedern der Assad-Familie, und diese bewaffneten Schlägerbanden waren der Familie nicht nur blind ergeben, sondern genossen auch einzigartige Vollmachten.

Der Name Schabiha leitete sich möglicherweise von einem "Schabah" genannten Mercedes S 600 ab, den sie oft fuhren, oder von "aschbah" für "Gespenster". Vielleicht stammt er aber auch ab von dem arabischen Verb "schabbaha" für "angreifen" oder von "schabh": jemanden zwischen zwei Pfähle binden und auspeitschen. Ein "schabih" wäre mithin ein Scharfrichter.

Während Syrien unter dem Wirtschaftsembargo litt, schmuggelten die Shabiha alles – von Lebensmitteln und elektrischen Geräten bis hin zu Altertümern, Waffen und Drogen. Die meisten Schabiha stammten aus ärmlichen dörflichen Verhältnissen. Mit der zunehmenden Vernachlässigung des Agrarsektors durch das syrische Regime machten sich Tausende junger Männer aus den Dörfern in die Städte auf. Da sie sozial marginalisiert waren und nichts besaßen, konnten Wohltäter von ihnen blinde Ergebenheit erwarten. Aus diesen jungen Männern wurden furchteinflößende Schlägerbanden mit Macht und Einfluss, die arrogant und unverschämt auftraten und taten, was sie wollten, ohne dass jemand ihre Taten infrage zu stellen wagte.

Dass sich Grüppchen von ihnen in den engen Straßen der Stadt Autorennen lieferten und die Menschen durch Luftschüsse in Panik versetzten, war für uns also ein ganz normaler Anblick. Viele Unschuldige mussten für diesen Leichtsinn mit dem Leben bezahlen, nur weil sie sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufhielten. So konnte es zum Beispiel passieren, dass die Schabiha einen Wagen verfolgten, auf den einer ihrer Angehörigen ein Auge geworfen hatte, den Fahrer zum Aussteigen zwangen und ihn fassungslos am Straßenrand stehenließen, während sie mit dem Auto davonbrausten. Oder dass einem von ihnen ein schönes Mädchen so gut gefiel, dass er es entführte, falls es nicht bereit war, von sich aus mitzukommen. Oder dass die Männer ohne Hemmungen von Häusern sprachen, die man überfallen und deren Bewohner man entführt hatte.  

So fantastisch diese Geschichten anmuten mögen, so sehr sind sie durch die Erinnerungen der Küstenbewohner zur verbürgten Realität geworden.

Anfang der Neunziger wurde mein Universitätsprofessor S. Gh. zusammen mit mehreren anderen Zivilisten an der Bushaltestelle durch die Amokfahrt eines Schabih getötet. Trotz erschreckender Berichte, dass sein Kopf vom Körper abgetrennt worden sei, trauten wir uns nicht, darüber zu sprechen – die Angst vor den "Wänden, die Ohren haben", war zu groß.

H. A., ein Studienfreund von mir, wurde ebenfalls umgebracht. Er hatte ein Mädchen verteidigt, das sich in einem Bus zu ihm geflüchtet hatte, um sich vor mehreren Schabiha in Sicherheit zu bringen, die es am helllichten Tag durch die Stadt gejagt hatten. Angstvoll verbannten wir auch ihn aus unseren Gesprächen, doch das Bild des Messers in seiner Schulter, das bis zum Herzen vorgedrungen war, blieb mir stets im Gedächtnis.

Über die Geschichte einer hübschen jungen Frau ist die Stadt Latakia noch immer außer sich. Sie war eines Tages entführt und vergewaltigt worden. Ihren nackten Leichnam hatte die Schabiha anschließend vor die Haustür der Familie gelegt.

Gewalt im Dienste "nationaler Aufgaben"

Jeder Trottel konnte, wenn er zur Schabiha gehörte, ein ganzes Viertel in Angst und Schrecken versetzen. Dies ging so lange, bis das Assad-Regime fürchtete, allmählich die Kontrolle über ihre Schlägertruppen zu verlieren.  

Zu Beginn der Neunziger schickte Hafiz al-Assad deswegen seinen ältesten Sohn Basil an die Küste, um gegen die Schabiha zu kämpfen, und so kam es zu einem regelrechten Krieg mit vielen Opfern. Seit Mitte der Neunziger hatten die Einwohner der Stadt dann mehr und mehr das Gefühl, das Gespenst der Schabiha sei aus ihrer Stadt weggezogen und vom Gespenst des Assad-Regimes ersetzt worden.

Doch mit Beginn der syrischen Revolution im Jahr 2011 änderte sich vieles. Das Regime benötigte ebenjene Schabiha, die es vor zwei Jahrzehnten noch bekriegt hatte, dringend zur Unterdrückung der Demonstrationen und für den Kampf gegen die oppositionellen Gebiete.

Nun war der Einfluss der Schabiha nicht nur auf die von ihnen bewohnten Gebiete oder die Bevölkerung der Küstenregionen beschränkt – wenn er dort auch so groß wurde, dass jedwede oppositionelle Stimme erstickt wurde. Vielmehr schwärmten sie jetzt wie erwachte Mumien in die Straßen fast aller syrischen Städte aus, um ihre Schreckensherrschaft zu verbreiten.

Seit 2011 setzt das Regime die Schabiha systematisch als irreguläre bewaffnete Einheiten ein. Viele von ihnen wurden aus dem Gefängnis entlassen, erhielten Sicherheits-IDs und begannen, ihre Gewalttaten im Dienste "nationaler Aufgaben" zu verüben, die darin bestanden, das Regime vor dem Sturz durch die Opposition zu bewahren. Später wurden sie zu regulären Milizen zusammengefasst, die man "Nationale Verteidigungseinheiten" nannte und die als Reserve für die reguläre Armee fungierten. Ihre Einheiten drangen als erste, noch vor der Armee und den Sicherheitskräften, in die vom Regime bombardierten oppositionellen Gebiete ein. Es gibt Belege, dass sie dort an vielen Stellen in Massaker an Zivilisten verwickelt waren. Zum Lohn erlaubte man ihnen, enorme Reichtümer anzuhäufen, ob durch Plünderung der wieder unter die Kontrolle des Regimes gelangten oppositionellen Gebiete, Waffenhandel oder Schmuggel. Nachdem sich der Konflikt verschärft hatte, bezeichnete man sie allmählich als "Todesschwadronen".

In jüngster Zeit spalteten sich Einheiten der regulären, von Generälen geführten Armee von dieser ab und wurden zu mehr oder weniger unabhängigen Milizen. Dabei nahmen sie zahlreiche Schabiha-Mitglieder, die ursprünglich nicht der Armee angehört hatten, in ihre Reihen auf, sodass gemischte Einheiten aus Soldaten und Schabiha entstanden. Beispiele dafür sind die Tiger-Kräfte unter Führung von Suhail al-Hassan und die Nafiz-Assad-Allah-Miliz unter der Führung von Issam Zahreddin. Diese beiden Milizen wurden gegen die Oppositionellen in der Ghuta und, gerade erst in der Schlacht von Deir al-Sur, gegen den IS eingesetzt, was dazu führte, das sie nun untereinander um die Beute und den Profit kämpfen.

Die Macht der Schabiha wächst mit jedem Tag. Die Miliz agiert immer unabhängiger von den Befehlen des Regimes, und ihre Führer, wie Hilal al-Assad und Issam Zahreddin, fallen mysteriösen Morden zum Opfer. Bis sie eine zu große Gefahr für das Regime darstellt, wird sie in Syrien, und möglicherweise auch außerhalb Syriens, weiter ihr Unwesen treiben und Schrecken, Zerstörung und Tod bringen.

Übersetzt aus dem Arabischen von Andrea Erding (Name von der Redaktion geändert) 

Imra Surriya Hurra wurde in Damaskus geboren und lebt in Deutschland. Sie arbeitet als Aktivistin und Schriftstellerin. Ihr Name wurde von der Redaktion geändert, um die Autorin vor der Shabiha zu schützen, die auch in Deutschland aktiv ist. Imra Surriya Hurra ist Gastautorin von "10 nach 8".


Sie wollen der Diskussion unter dem Text folgen? Hier geht es zum Kommentarbereich.
10 nach 8
 
Frauen schreiben jetzt auch abends. Montags, mittwochs, freitags. Immer um 10 nach 8. Wir, die Redaktion von 10 nach 8, sind ein vielseitiges und wandelbares Autorinnen-Kollektiv. Wir finden, dass unsere Gesellschaft mehr weibliche Stimmen in der Öffentlichkeit braucht. 

Wir denken, dass diese Stimmen divers sein sollten. Wir vertreten keine Ideologie und sind nicht einer Meinung. Aber wir halten Feminismus für wichtig, weil Gerechtigkeit in der Gesellschaft uns alle angeht. Wir möchten uns mit unseren LeserInnen austauschen. Und mit unseren Gastautorinnen. Auf dieser Seite sammeln wir alle Texte, die 10 nach 8 erscheinen.