Freitext: Tijan Sila: Wir haben euch was mitgebracht: Hass, Hass, Hass.

 
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22.06.2017
 
 
 
 
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„Wir haben euch was mitgebracht: Hass, Hass, Hass.“
 
 
Fankurven im Fußballstadion sind ein Spiegel der Gesellschaft. Wenn die Minderheit zu toben beginnt, erstarren die Friedfertigen in hilfloser Bestürzung.
VON TIJAN SILA

 
Szene aus dem Championsleague-Endspiel Bayern München gegen Chelsea im Mai 2012, © Alex Livesey/Getty Images
 
Ich bin leidenschaftlicher Anhänger des 1. FC Kaiserslautern und fahre gelegentlich zu Auswärtsspielen, wo ich über mein Lieblingsthema nachdenke – die Barbarei. Mein letztes Auswärtsspiel ist eine Weile her; ich ging mit Freunden zum Spiel gegen Ingolstadt und zwar in der Saison, bevor „die Schanzer“ in die erste Bundesliga aufstiegen. Unwichtig. Es zählt einzig, dass ich viel über Barbarei nachgedacht habe.
 
Ich weiß nicht, was wir für die Menschen in Ingolstadt waren. Am Anfang, als wir singend zum Stadion liefen, vielleicht charmant, später dann, in der zweiten Halbzeit, eher bedrohlich. Überhaupt, diese Halbzeit: Es war, als stellten wir, die Fans des 1. FC Kaiserslautern, eins der Triptycha nach, die den Fortschritt des Jüngsten Gerichts abbilden.
 
Zu Beginn kletterte ein seltsamer junger Mann – er trug eine dieser Lesebrillen, die Augäpfel groß erscheinen lassen – auf den Zaun, der den Gästeblock vom Spielfeld trennte, und beschimpfte abwechselnd alle Spieler, die in seine Nähe kamen, Polizisten, die Fans des eigenen wie des anderen Vereins. Drei gepanzerte Beamte zogen vor dem Zaun auf und forderten, dass er herunterklettere, aber er zeigte ihnen den Mittelfinger und tat so, als wollte er seine Jeans aufknöpfen, wieso auch immer. Schließlich wurde er von seinen Freunden heruntergezogen, fiel von halber Zaunhöhe schmerzhaft auf die Seite und fing deswegen eine Prügelei mit Fremden an, die bedeutend größer und eindeutig gewalterfahrener waren als er. Daher verbrachte er den Rest des Spiels mit einer schief sitzenden Brille, der nun ein Bügel fehlte, und einem vom Blut eingefärbten Rollkragen. Nackte Angst hatte ihn in Adrenalinschweiß gebadet, und er roch wie eine vor Stunden benutzte Knoblauchpresse. Er hatte ein erstes, verunsichertes Abrücken der Ingolstädter Familien vom Gästeblock veranlasst, denn er war wirklich furchtbar laut und vulgär gewesen – seine liebsten Schmährufe waren das harmlose, dialektale „Voch’l“ (Vogel), und – weit garstiger – eine fiese Bezeichnung für die Vagina.



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