Freitext: Lena Gorelik: Wenn der Sohn sich den Schulranzen mit dem Einhorn wünscht

 
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16.06.2017
 
 
 
 
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Wenn der Sohn sich den Schulranzen mit dem Einhorn wünscht
 
 
Rosa nur für Mädchen, blau nur für Jungs?! Als Eltern ist man froh, wenn das eigene Kind diese blöde Gender-Regel ignoriert. Und etwas Angst hat man leider trotzdem.
VON LENA GORELIK

 
© Snev Rotbok/EyeEm
 
Das ist einer dieser großen Momente, einer, von denen man als Eltern träumt. Oder ich träume ihn und interpretiere zu viel hinein, wie wir Eltern es immer tun, wenn die eigenen Erinnerungen übermannen und man das Kind, das man einmal gewesen war, mit dem eigenen Kind verwechselt. Jedenfalls träume ich diesen Moment, und mein Sohn tut es auch: Der Moment, in dem der Bald-Erstklässler seinen Schulranzen bekommt. Der Bald-Erstklässler kann es nicht erwarten, einen Schulranzen auf seinem Rücken und eine Schultüte in seinen Händen zu tragen, er will „Schulkind“ und „erste Klasse“ sagen dürfen, er will Hausaufgaben machen dürfen, und er ahnt nicht, dass dieser Wunsch nicht lang anhalten wird. Mein Sohn sagt, wir müssten jetzt seinen Schulranzen kaufen, er sagt „endlich mal“ dazu, und er sagt, er will den, den er letztens gesehen hat, den mit dem Einhorn drauf. In Lila.
 
Mein Sohn spielt mit Fahrzeugen, aber nicht Fußball. Er hat mal Puppen gehabt, aber sie nie angerührt. Er liebt Bibi und Tina, er vergöttert Pferde, und wenn er bei Freundinnen ankommt, zieht er sich sogleich Prinzessinnenkostüme an und leiht sich beim Gehen Barbies aus, aber seine Lieblingsfarbe ist blau. Ich weiß nicht, warum seine Lieblingsfarbe blau ist. Mit anderen Worten: Ich weiß nicht, ob es wirklich seine Lieblingsfarbe ist, oder ob ich in diese Frage nach der Lieblingsfarbe zu viel hinein interpretiere. Als er sein erstes Fahrrad bekommen hat, wollte er gerne ein rosafarbenes wählen, aber bevor ich auch nur bejahen konnte, hatten der Fahrradverkäufer und mein Vater, der uns begleitete, protestiert, und so hatte er sich, trotz meiner Ermunterungen, für einen Kompromiss entschieden: Gegen das Fußball-Fahrrad, das ihm der Verkäufer andrehen wollte, gegen das rosafarbene, das ich, trotz der eigenen Abneigung gegen diese Farbe, mehrmals bewunderte, und für das in Lila mit Käpt’n Sharky. Mein Sohn war vier und suchte nach Kompromissen zwischen dem, was er selbst über sich empfand, und dem, was von ihm erwartet wurde.
 
Mein Sohn geht seinen Weg. Sein Weg ist zwischen blau und Begriffen wie „Mädchenfarbe“, die er aus dem Kindergarten mitbringt. Sein Weg liegt irgendwo zwischen Polizeifahrzeugen, die er aus Lego baut, und Bibi und Tina, und sein Weg ist manchmal von Stärke und manchmal von Fremderwartungen geprägt. Als er sich im Zirkus eine pink-glitzernde Ballerina als Leuchtstab aussucht, von der der Verkäufer sagt, sie sei nur für Mädchen, antwortet er selbstbewusst: „Nein, das ist für alle, die damit spielen wollen.“ Aber als der Schuhverkäufer über die lilafarbenen Gummistiefel sagt, die seien für Mädchen, nimmt er die blauen, das sei seine Lieblingsfarbe.
 
Was machen die Blicke der anderen?
 
Als Mutter steht frau dann daneben. „Nimm doch die in Lila“, sagt frau dann, und weiß nicht sicher, wie oft frau das sagen soll: Als Eltern will man den Konflikt des Kindes schließlich nicht verschärfen. Und man will nicht, dass er morgen dasselbe noch einmal im Kindergarten, und nachmittags noch einmal im Park hören muss: Das ist eine Mädchenfarbe. Du bist doch ein Mädchen, und das ist dann als Beleidigung gemeint. Und frau denkt dann darüber nach, dass es andersherum keine Beleidigung wäre, dass Mädchen nicht rufen würden „Das ist was für Jungs!“, oder „Du bist ein Junge, haha!“, frau denkt darüber nach, dass es jetzt Legosteine, Überraschungseier und sogar die Drei Fragezeichen als Ausrufezeichen in rosa gibt, und wie alte, kopfschüttelnde Herren denkt frau, wie sie sich vorgenommen hatte, niemals zu denken: „Früher zu meiner Kindheit gab es das nicht. Da haben Mädchen und Jungs dasselbe gehört. Das war damals besser.“

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