Freitext: Ann Cotten: Mein Herz ist in Hamburg

 
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07.07.2017
 
 
 
 
Freitext


Mein Herz ist in Hamburg
 
 
Die Demonstranten gegen G20 sind keine Chaoten. Sollen sie etwa nicht anreisen? Sollen sie etwa nicht wütend sein? Hoffentlich passiert ihnen nichts.
VON ANN COTTEN

 
© AFP/ John MacDougall
 
Beim Recherchieren, was einen lieben Freund beim Protest gegen den G20-Gipfel erwartet, und im Versuch, ihm ein Piratenshanty for the road zu dichten, fällt mir schlagartig auf, wie krass sie sind, nämlich die, die da losziehen, trotz der Warnungen und Verlockungen, man sollte doch lieber wie andere Menschen bequem und ignorant und eventuell auch etwas ängstlich dem Alltag nachgehen. Diese Leute sind die besten, die Mitteleuropa in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht hat, sozusagen die Crème de la Crème der Jugend.
 
Das sind sicher keine Chaoten. Sie folgen auf organisierte und moderate Weise ihrer Überzeugung. Sie schmeißen Flaschen weniger oft, als die Regierenden Gender-Fails zum eigenen Fortkommen missbrauchen. Sie sind international vernetzt und bauen alternative Strukturen von null auf. Sie haben ein lebendes Herz und sind wütend über unsere fortdauernde und uns alle mit einschließende kolonialistische, postkolonialistische, teils schlicht freibeuterische Haltung zur Gesamtwelt. Sie demonstrieren friedlich und sprechen von konkreten und wichtigen Angelegenheiten, unverschlüsselt und ohne Heer. Sie stehen jetzt dem aufgestockten Arsenal und der unbekannten Strategie der Polizei in Hamburg gegenüber, mit nicht mehr als dem eigenen verletzlichen Körper, und ich habe jetzt Angst um sie. Wie schnell fliegt „in Notwehr“ eine Kugel, wird ein Körper zertrampelt, zieht Gift ins Hirn. Was, wenn einer nicht zurückkommt, zwei, zehn, zwanzig?
 
Es genügt aber schon, wenn der Idealismus gedämpft wird von der deprimierenden Destruktivität der Polizei, die immer wieder niederreißt und verhindert, was gerade Schwung und Gestalt bekam. Bewegte Beschäftigung mit Weltpolitik trifft auf verordnete Ohnmacht, und eine schwarze Mauer, die nur darauf lauert, dass der Emotionstopf überkocht, um zu zeigen, wie unratsam es ist, die Probleme der Welt zu den eigenen zu machen. Der junge Schiller von 2017 lernt, wenn er da heil rauskommt, dass alles aussichtslos ist, die Demokratie eine brennschmelzende Fassade, der Staat eine Miliz, die letztlich mit stumpfer Gewalt agiert, gegen die man angehen könnte, bis man als Skelett zu Boden fällt, sieht all das und wird stumpfer Hedonist oder schlimmer.
 
Sollten sie etwa nicht da sein, nicht anreisen? Sollten sie etwa nicht wütend sein? Es gibt keinen Grund, von ihren Pressekonferenzen mit hämischem Unverständnis zu „berichten“. Sie füllen große Lücken, indem sie Infos über die konkrete Seite der Wirtschaftsdaten aufbereiten. Andererseits, die dunkle und gefährliche Seite, sind sie da, um zu zeigen – zu demonstrieren –, wie willkürlich die Verträge der Demokratie ausgelegt werden. Das werden wir sehen. Aber es macht mich wieder mit dem Gedanken an Selbstmord spielen, dass die engagiertesten Gruppierungen für eine tolerante und gerechte Gesellschaft als Feinde behandelt werden. Jetzt hoffe ich, dass meine bösen Vorahnungen übertrieben sind.
 
Mit Angst im Herzen fahre ich selbst zu den alten Untergrunddichtern an der Kalten Buche, horchend auf die Nachrichten, ohne recht viel Sinn für Poesie. Alles kommt mir lächerlich vor, mein kleines Leben mit den Schönheiten der Gedanken und einem fernen Hall ihrer Radikalität – aber was sollte ich in Hamburg, ich würde nur im Weg stehen. Mir fehlt es an Training, zusammen mit anderen zu handeln, sich instinktiv in die Abläufe zu finden, bei Stimmungen kippe ich ins Gegenteil und finde Gruppen kompliziert. Umso mehr bewundere ich die, die hinfahren.
 
Die Antifaschisten sind auch in der Kommunikation die mutigsten und klarsten Leute, die ich kenne. Sie sprechen respektvoll und deutlich und mit jedem, ihre Organisationen sind eigentlich der einzige taugliche Ersatz für die Kirche. Sie sind entschlossen, empathisch und offen für Argumente. Sie sind weniger verstockt als ich, und wenn nicht, bemühen sie sich darum mehr als ich. Sie diskutieren, ohne übergriffig zu werden! Das suche man mal in einer Fernsehtalkshow. Sie können lieben, aber auch schlicht normal mit anderen umgehen, und achten dabei nicht auf Status und Vorteile. Und grinsen nicht bescheuert, als wäre die ganze Welt ein Teesalon. Schon allein dieser Stil von absoluter Augenhöhe markiert sie für die Mehrheit der bürgerlichen Mistviecher als naive, nicht ernstzunehmende Leute. Als müsste man in ausreichendem Maß eigennützig mit der Schlechtigkeit der Welt mitgehen, um sich als vernünftig zu zeigen.

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