Freitext: Jakob Nolte: Eine scheinbar unüberwindbare Schlucht

 
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15.11.2017
 
 
 
 
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Eine scheinbar unüberwindbare Schlucht
 
 
Suizid ist eine erschreckend häufige Todesursache. Dennoch oder gerade deshalb wird das Thema tabuisiert und fetischisiert. Versuch einer Annäherung über zwei Filme
VON JAKOB NOLTE

 

© [M] Adi Goldstein /https://unsplash.com/@adigold1
 
Als junger Mann zwischen 15 und 35 Jahren in Deutschland geht die größte Lebensgefahr für mich von mir selbst aus. In dieser sonst eher gesunden Bevölkerungsschicht ist jede sechste Todesursache der Suizid. Würde ich in Bayern leben, wäre es noch schlimmer. Würde ich in Sachsen-Anhalt leben, etwas weniger. Die Statistiken sind furchteinflößend. Jährlich nehmen sich in diesem Land etwa 10.000 Menschen das Leben, was die Gesamtanzahl der Toten durch Verkehrsunfälle, Drogenmissbrauch und HIV-Erkrankung deutlich überschreitet. Trotzdem oder gerade deshalb wird das Thema ebenso tabuisiert wie fetischisiert. Wir leben in einer suizidfaszinierten Kultur, so dieser Text, so Thomas Macho in seinem gerade erschienenen, gleichwohl geistreichen und bedrückenden Buch Das Leben nehmen – Suizid in der Moderne. Sollten Sie sich mit Selbsttötungsgedanken quälen, suchen Sie nach Hilfe, etwa bei der Telefon-Seelsorge (http://www.telefonseelsorge.de/) oder bei Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt.
 
Während meiner Jugend haben sich zwei Mitschüler das Leben genommen. Und ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir im Klassenverbund je darüber geredet hätten. Weder über das Warum noch darüber, wie wir damit umgehen sollten. Vielleicht weil die Auseinandersetzung mit dem Tod Kindern nicht zugemutet wird oder weil praktisch niemand damit umgehen kann oder weil befürchtet wurde – was statistisch gesehen gar nicht unbegründet ist –, dass Nachahmungen folgen. Sich zu töten ist ein Affront gegen das Leben und jeden Lebendigen. Wir waren mit unserer Trauerarbeit auf uns selbst gestellt.
 
Dass eine Depression eine Krankheit ist, unter der Menschen leiden, war für mich lange keine ernstzunehmende Tatsache. Depressionen fanden hinter verschlossenen Türen statt und schlimmer noch, ich betrachtete sie insgeheim als Anzeichen von Schwäche. Groß geworden in einer Welt, in der der Geist etwas Starkes, Erkennendes und Bezwingendes, natürlich auch Wohlwollendes und Verständliches usw. sein sollte und konnte, war kein Platz für Gedanken der Aufgabe, der Furcht, Isolation und Lähmung. Ein Mitschüler kommentierte bei einem der Fälle hinter vorgehaltener Hand, dass da wohl jemand „einen Durchhänger“ gehabt hätte. Erschreckenderweise war diese Geschmacklosigkeit (wenn auch als Grenzen auslotendes Wortspiels gedacht) die einzige emotionale Annäherung, an die ich mich in diesem Fall erinnern kann. Mittlerweile denke ich schlicht, was für Tragödien das waren, und vermute naiv, dass sich die Probleme dieser viel zu früh gestorbenen Jungen heute ganz anders darstellen würden.
 
Zwei Filme des vergangenen Jahrzehnts bieten eine Annäherung an das Thema. Der erste ist Antonio Campos‘ 2016 erschienenes Biopic Christine, in dem Rebecca Hall die US-amerikanische Fernsehmoderatorin Christine Chubbuck spielt. Diese arbeitete ab Mitte der Sechzigerjahre in lokalen Fernsehsendern und erlangte nationale Bekanntheit dadurch, dass sie sich am 15. Juli des Jahres 1974 vor laufender Kamera erschoss. In Campos‘ Film verfolgen wir das Schicksal der jungen Frau Ende 20 bis zu ihrem Tod. Wir erleben sie in ihrem Job, mit ihrer Mutter, auf einem Date und privat. Das Maß der Unerträglichkeit und Fremdscham bei einigen dieser Szenen übersteigt sogar noch das von Maren Ades grandiosem Debütfilm Der Wald vor lauter Bäumen (2005). Auf drei Momente würde ich gerne näher eingehen.

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