Dienstagmittag, klick, klick, klick. Unkoordiniertes Durchstöbern des Internets. Am Abend gab es eine Explosion in St. Petersburg in der U-Bahn. Tote, Verletzte. Wer, was, warum? Auf der Suche nach Antworten, wie gesagt, orientierungsloses Durchgeklicke. Die Wahrheit ist, der Schrecken nutzt sich ab. Der Schrecken über die Bereitschaft von Menschen, zu Attentätern zu werden, und die Fähigkeit, jede Explosion mit Todesfolge zu betrauern. Stattdessen versucht man das Geschehen unabhängig von medialer Berichterstattung einzuordnen und sich einen Reim auf alles zu machen. Seien wir doch ehrlich: Mit jedem weiteren Attentat seit 9/11 nutzt sich das Selbstmordattentat ab und wird politischer Mainstream-Protest. Nie war es leichter, das Weltgeschehen für einen Moment zu beeinflussen. An die Stelle des kollektiven Aufbegehrens in Form von gemeinschaftsstiftenden Events wie Fahnenanzünden oder lautem Gebrüll auf Megademos ist die Bombe getreten. Auch eine Form von Individualisierungsdrang. Offenbar gibt es keine Rekrutierungsprobleme. Gesund und bei Sinnen ist das alles nicht. Dominanz, Aggressivität und der Verlust von Selbstbeherrschung, zu beobachten bei Karstadt an der Kasse genauso wie auf dem Marktplatz in Karatschi. Solange es diese Form von Frust in Verbindung mit Selbstüberhöhung gibt, fragt man sich, was das eigentlich für skrupellose Politiker bedeutet. Beispiel Türkei. Politische Attentate wirkten im Nachhinein stets wie eine fein abgestimmte, durchorchestrierte Dramaturgie. Gerade, wenn etwas Ruhe eintrat, oder vor wichtigen Auftritten der AKP-Regierung oder vor Verhandlungen zu internationalen Deals, gingen Bomben hoch. Sie kamen oft wie gerufen Die Anschläge wurden dafür benutzt, die eigene Politik zu rechtfertigen, und hatten immer Gesetzesverschärfungen oder Kursänderungen zur Folge. Eine Politik des Krieges, der Unterdrückung der Menschenrechte für bestimmte Gruppen, ein allgemeines Abdriften in Totalitarismus mit scheindemokratischem Anstrich. Also vorne herum Parlament, Diskussion, Gesetzesänderungen und im Hintergrund brutalstes Aushebeln aller Rechtsstaatlichkeit unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Attentate kamen oft wie gerufen. In Ländern wie der Türkei oder Russland, in denen die Geheimdienste wirklich jeden Winkel des Bürgers beleuchten und ausspionieren, ganz gleich, ob die Person sich im In- oder Ausland befindet, wundert man sich stets, dass Anschläge oder anderweitige Ruhestörungen überhaupt stattfinden können. Man wundert sich, dass jeder Käfer, der sich in der Flöte des anatolischen Hirten befindet, auf Tausenden Metern Höhe erkannt und dokumentiert wird, aber Selbstmordattentäter in Großstädten mit Rucksackbomben in Clubs oder auf Kundgebungen Attentate ausüben können oder ganze Putschversuche mal eben so durchgerutscht sind. Diese Erkenntnis schult jedenfalls. Sie führt dazu, dass die Nachricht eines Anschlages nicht mehr mit Entsetzen zur Kenntnis genommen wird, sondern die nüchterne Frage nach sich zieht: Wem nützen die Toten? Was stand auf der politischen Agenda? Unterbricht der Anschlag gerade eine andere aufkeimende Diskussion oder Bewegung? Meistens schnöde Innenpolitik Russland ist in Syrien ein wichtiger Beteiligter im Krieg. Die New York Times stellte deshalb folgerichtig nur wenige Stunden nach dem Attentat den Zusammenhang zwischen Syrien und St. Petersburg her und erinnerte an Putins Spruch von 2015, wonach er Kriegseinsätze in Syrien damit rechtfertigte, dass sie zum Zwecke zur Prävention von Terrorismus im eigenen Land dienen. Diese Kriegsrechtfertigung ist mittlerweile zum Klassiker der Terrorbekämpfung geworden. Man erinnert sich an Strucks "Freiheit, die am Hindukusch verteidigt wird". Gleichzeitig kann man sich an keinen einzigen Krieg erinnern, weder in Pakistan, Afghanistan, Irak oder Syrien, bei dem diese Strategie geklappt hätte. Also muss es weitere lohnenswerte Aspekte geben. Meistens handelt es sich neben wirtschaftlichen Interessen um schnöde Innenpolitik. So ein Bombenattentat kann in der Bevölkerung dazu führen, dass man die Kriegsbeteiligung der eigenen Armee umso vehementer befürwortet. Fakt ist, dass der Hass gegen die zu bekämpfende Gruppe die Ideologie von "uns" Guten und "den Anderen" stärkt. In Russland sind es die Muslime (in Moskau leben dreimal so viele Muslime wie in London) aus dem eigenen Land oder in Tschetschenien oder dem Nordkaukasus. In der Türkei handelt es sich bei "den Anderen" wahlweise um Kurden, Aleviten oder konkurrierende Glaubensbrüder wie die Gülenisten. Ein Strauß Rosen Für nationalistisch gesonnene Antidemokraten ist ein klar auszumachender Feind Gold wert. Für einen russischen Präsidenten jedenfalls, der seine Armee in einen Krieg schickt, aus dem es außer plattgemachten Städten und millionenfachem Leid durch Waffen, Hunger und Vertreibung keine Erfolge zu berichten gibt, kann ein Anschlag "nützen", aber auch "schaden". Die NYT findet ebenso, dass der Anschlag auch das Gegenteil bewirken kann. Nämlich dass die russische Bevölkerung keinen Sinn mehr darin erkennen mag, in Syrien Krieg zu führen, so wie man auch immer Probleme hatte zu verstehen, warum in Afghanistan amerikanische Truppen einmarschiert sind, weil ein Ägypter mit einem Flugzeug in New York ins World Trade Center flog. Deshalb sind die Reaktionen danach so wichtig. Mit einem Strauß langstieliger Baccara-Rosen in der Hand und einem maßgeschneiderten Traueranzug stand Wladimir Putin, Autokrat und Kriegsherr, gesenkten Hauptes und legte seine Blumen ab. Für einen Moment war er Vater, Bruder und so weiter. Das lieben Diktatoren ja in aller Welt. Diese zur Schau gestellte Anteilnahme, diesen Schmerz, dieses In-sich-versunken-Sein und die Welt um einem herum zu vergessen, trotz TV-Übertragung, Kameras, Blitzlicht, einfach schick und pietätvoll eine gute Figur machen. Gerade Männer höheren Alters, die ihre Parlamente auflösten, sich zu Herrschern krönen lassen und eine Rieseneinkaufsliste für Schusswaffen, Granaten, Bomben vorweisen können, beherrschen diese Show perfekt. Später werden sie erzählen, dass das ein schwerer Gang war. Noch später werden sie ihre Antiterroreinheiten aufrüsten. Die Medien in Deutschland sind noch nicht so weit. Bis Dienstagnachmittag dominiert diese eine Meldung die Onlineangebote der deutschsprachigen Medien über den U-Bahn-Anschlag in Russland: "Brandenburger Tor leuchtet für St. Petersburg nicht" Abgesehen davon, dass für Bagdads Tote von vor zwei Wochen das Brandenburger Tor auch nicht leuchtete und Millionen Menschen in Ostafrika, die gerade einen qualvollen Hungertod sterben, ganz Berlin ein ganzes Jahr lang in den Farben Afrikas leuchten müsste, wirkt die Frage nach Stil und Form von öffentlichen Beileidsbekundungen infantil und kleinkariert. In Deutschland ist es zum Volksport geworden, das zu tun, was früher Tante Hedwigs Aufgabe bei Beerdigungen war. Zu schauen, ob die junge Witwe auch wirklich Tränen vergossen hat. Mit Attentaten werden Politiken beeinflusst. Sie sind ein so mächtiges und wirksames Instrument, dass es einen verwunderte, wenn hier und da nicht auch ein wenig manipuliert, nachgeholfen, zugespitzt, willentlich fehlinterpretiert, im Hintergrund neue Machtkonstellationen durchgeführt würden. Deshalb heftiges Rumgeklicke. Und schau an! Putins Rosen hatten ihren Verwelkungsprozess noch nicht begonnen, da wird gemeldet, dass in der syrischen Stadt Chan Schaichun ein Giftgasangriff stattfand. Bilanz der Todesopfer: verheerend. Die Hölle, sie ist immer noch hier auf Erden. Aber – und das scheint wichtig – jetzt bloß nicht Putin aus den Augen verlieren und genau hinhören: wann, was, wie. Darüber nachzudenken lehrt einen mehr über politische Kommunikation, als über einen unbeleuchteten Steinhaufen in Berlin-Mitte zu sinnieren.
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