Bosse: Laut gegen rechts

 
Big Brother an Schulen +++ Schulz beschert der SPD Nachwuchs +++ Flucht nach Brexit +++ Klaus Asche ist tot
 

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Gemach … Nur weil es vergangene Woche so sonnig war, muss das ja noch lange nicht so weitergehen. Ist ja schließlich noch nicht mal Februar. Also kehren wir wieder zurück zum Wintergrau. Dabei klettert das Thermometer auf bescheidene 3 Grad. Na ja, den einen Wintermonat schaffen wir auch noch.
   
 
 
Annika Lasarzik / Foto: privat
 
Guten Morgen,

hoher Besuch beim diesjährigen Matthiae-Mahl: Der kanadische Regierungschef Justin Trudeau hat die Einladung des Senats angenommen und wird am 17. Februar gemeinsam mit Außenminister Sigmar Gabriel (und etlichen anderen namhaften Gästen, natürlich) im Großen Festsaal des Hamburger Rathauses dinieren. Wie eh und je ist die Auswahl des Ehrengastes auch diesmal als ein politisches Zeichen zu verstehen. Wir erinnern uns: Vor einem Jahr nahmen etwa Bundeskanzlerin Angela Merkel und der britische Premier David Cameron am luxuriösen Festmahl teil, um so für den Verbleib Großbritanniens in der EU zu werben. Ohne Erfolg, wie wir heute wissen – und Cameron bleibt nur noch als tragische Figur des Brexits in Erinnerung.
 
Justin Trudeau setzte bisher andere Akzente, etwa indem er all jenen, die vor »Verfolgung, Terror und Krieg flüchten«, am Wochenende via Twitter versprach, dass Kanada sie »willkommen heiße«, und zwar ungeachtet ihres Glaubens. Und auf den Anschlag auf eine Moschee in Québec, bei dem am Montag sechs Menschen getötet wurden, reagierte Trudeau mit deutlichen Worten: »Vielfalt ist unsere Stärke.« Ein Staatsgast, der für Toleranz eintritt und nicht schon vorab für Stirnrunzeln sorgt – wahrlich kein schlechtes Zeichen.
 
Ab morgen begrüßt Sie an dieser Stelle übrigens wieder Mark Spörrle, dem ich einen guten Start nach dem Urlaub wünsche.

 


»Big Brother« auf dem Schulhof – und null Aufklärung?

Sie sollen Gewalt, Einbrüchen und Sachbeschädigung vorbeugen: 348 Videokameras und 86 Kamera-Attrappen sind an den Ein- und Ausgängen in Hamburgs Schulen installiert. Konflikte in Sachen Datenschutz und Persönlichkeitsrechte ergeben sich da nicht, glaubt Peter Albrecht, Sprecher der Schulbehörde. »Die Richtlinien sind sehr streng, ihre Einhaltung kontrolliert der Datenschutzbeauftragte«, sagt er. Jede neue Kamera werde für nur ein Jahr genehmigt – und dann »nur mit überzeugender Begründung«. 330 dieser Kameras arbeiteten ohnehin mit dem »Black-Box«-Verfahren: Dabei wird gefilmt, ohne das Geschehen live auf dem Monitor zu überwachen, gesichtet werde das Material nur, wenn es ein Anlass erforderlich mache, ansonsten aber nach sechs Wochen gelöscht. Doch wie effektiv ist die Überwachung – wie oft wurden Straftaten an Schulen mithilfe von Videos aufgeklärt? »Hierzu gibt es keine gesonderte Statistik«, sagt Polizeisprecher Ulf Wundrack. Dazu nämlich müssten Ermittlungsverfahren erst einmal händisch ausgewertet werden … Anna von Treuenfels-Frowein, datenschutz- und schulpolitische Sprecherin der FDP, wittert nun einen »massiven Eingriff in die Grundrechte«, zumal an einem »so sensiblen Ort wie einer Schule«. 2016 sei kein einziges Mal wegen einer Videoaufnahme Schadensersatz geltend gemacht worden, sagt die FDP-Politikerin. Ihr Fazit: »Die Überwachung von Schulen mit Kameras hat offenbar keinen NutzenNils Zurawski vom Institut für Kriminologische Sozialforschung verweist indes auf die gute alte Pädagogik: »Eine schulische Aufgabe ist die Erziehung zu gewaltfreiem Verhalten. Das kann man nicht Videokameras überlassen«, so Zurawski.
 
 
Bosse: »Wir müssen lauter werden!«
 

Am Wochenende spielte Axel »Aki« Bosse für nur 30 Fans in der Kleiderkammer von Hanseatic Help. Es ist nicht das erste Mal, dass sich der Hamburger Musiker sozial engagiert oder sich gegen rechte Gewalt einsetzt – dafür muss er auch Kritik einstecken, wie Bosse im Interview berichtet.
 
Elbvertiefung: Herr Bosse, sonst spielen Sie in großen Hallen, nun sind Sie zwischen ein paar Kleiderkisten aufgetreten – wie kam es dazu?
Bosse: Bei einem Konzert im Dezember habe ich dazu aufgerufen, Winterkleidung für Obdachlose und Geflüchtete zu spenden, dabei kamen 10.000 Schals, Jacken und Mützen für Hanseatic Help zusammen. Nun habe ich für die fünf Gewinner gespielt, die unter allen Spendern ausgelost wurden, und deren Freunde. Mir imponiert das Motto von Hanseatic Help: »Einfach machen«. 
 
Elbvertiefung: Sie sprechen sich immer wieder gegen Rassismus aus, mit einem Konzert in der Großen Freiheit haben Sie 31.200 Euro für Hanseatic Help und Pro Asyl gesammelt. Warum engagieren Sie sich?
Bosse: Als die AfD auf der Bildfläche erschienen ist, hatte ich das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. In der öffentlichen Debatte wird viel pauschalisiert und vertauscht. Als wir dann so viel Spenden bei dem Konzert, der »Sonntagssause«, sammelten, ist bei mir ein Knoten geplatzt, mir wurde klar, dass ich mit wenig Aufwand viel bewirken kann. Wir müssen lauter sein, weil das rechte Spektrum eben auch lauter geworden ist. Und mein Vorteil ist, dass ich mehr Menschen erreichen kann als andere.
 
Elbvertiefung: Sollten Künstler heute stärker politische Stellung beziehen?
Bosse: Ja, mit Blick auf die gesellschaftliche Entwicklung sollte man allgemein politischer sein, das gilt auch für Künstler. Musik bringt Menschen zusammen, sie »integriert« schon an sich. Musikfestivals sind daher die richtigen Orte, um viele verschiedene Leute zu erreichen, aufzurütteln – zumal viele junge Menschen heute zwar das Potenzial haben, etwas zu bewegen, aber oft Hemmungen haben, sich politisch zu äußern. 
 
Elbvertiefung: Beim Echo 2016 haben Sie auf der Bühne Nazis den Mittelfinger gezeigt, danach gab es einen Shitstorm...
Bosse: Wenn man in der Öffentlichkeit steht und sich gegen rechts äußert, kriegt man von der rechten Netzgemeinde ordentlich was um die Ohren geballert – mit vielen Rechtschreibfehlern. Das ist traurig, teilweise aber auch lustig. Meistens kann ich solche Anfeindungen entspannt wegschieben, ich zögere aber auch nicht davor zurück, Anzeige zu erstatten.

 


Nachwuchs für die SPD - dank Schulz und Trump
 
Donald Trump und Martin Schulz – nein, eigentlich haben der neue US-Präsident und der SPD-Kanzlerkandidat nicht so viel gemeinsam, dass man sie in einem Atemzug nennen könnte. Wobei: Eine Kleinigkeit gäbe es doch. Beide bescheren der Hamburger SPD offenbar einen Mitgliederzuwachs. Seit vor einer Woche bekannt wurde, dass der ehemalige EU-Parlamentspräsident bei der Bundestagswahl gegen Angela Merkel antreten wird, gingen 86 Mitgliedschaftsanträge im Kurt-Schumacher-Haus ein. Zum Vergleich: Für gewöhnlich sind es um die 30 Neuanträge – in einem Monat! Dieser »schon sehr deutliche Zuwachs« bestätige eben »den Trend auf Bundesebene«, freut sich SPD-Sprecher Lars Balcke. Auch nach der US-Präsidentschaftswahl stapelten sich übrigens die Anträge: 64 Ersuche auf eine Mitgliedschaft verzeichneten die Genossen laut Balcke in den ersten zehn Tagen nach dem »Election Day« am 8. November. Wie lässt sich der Aufschwung erklären? »Wie die Motivlage der einzelnen Personen ist, kann ich nicht sagen. Das ist sicher multifaktoriell«, sagt Balcke. Ah ja. Immerhin: Seit der Nominierung von Schulz sei doch tatsächlich »so etwas wie Aufbruchstimmung« zu verspüren. Ob Schulz diese durch seinen Auftritt bei »Anne Will« am Sonntag schüren konnte, damit haben sich die Kollegen von ZEIT ONLINE befasst.
 
 
Flucht nach Brexit
 
Der erste Schock ist zwar lange vorbei, doch wie sich der Brexit künftig auf das Leben der Briten auswirken könnte, ist noch immer ungewiss. Einige Inselbewohner machen da lieber Nägel mit Köpfen: 280 britische Staatsangehörige haben im Jahr 2016 die deutsche Staatsbürgerschaft in Hamburg beantragt, 220 Anträge gingen erst nach dem Brexit-Votum am 23. Juni ein. Zum Vergleich: Im Jahr 2015 waren die Briten noch deutlich weniger erpicht auf einen deutschen Pass, damals stellten nur 52 britische Staatsangehörige einen Einbürgerungsantrag beim hiesigen Einwohner-Zentralamt. Womit sich die Zahl der Anträge insgesamt verfünffacht (!) hat. Hui. Behördensprecher Matthias Krumm räumt zwar ein: »Ob diese Zunahme in Zusammenhang mit dem Referendum über den EU-Austritt des Vereinigten Königreichs« stehe, das werde bei der Antragstellung natürlich nicht erfasst. Doch warum diese Eile der Briten, wo bleibt das »easy going«? Nun, ein Grund könnte sein, dass sie als (Noch)-EU-Bürger die eigene Staatsbürgerschaft auch bei der deutschen Einbürgerung nicht aufgeben müssen. Ein Vorteil, den es auszunutzen gilt – solange der Ausstieg aus der Europäischen Union nicht vollzogen wurde. Wir jedenfalls sagen: »Welcome!«
 
 


Früherer Holsten-Chef Klaus Asche ist tot

Der frühere Holsten-Vorstandsvorsitzende, ehemalige Präses der Handelskammer, Leiter des Industrieverbands Hamburg sowie Vorstands- und Kuratoriumsmitglied der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius, Klaus Asche, ist tot. Er starb bereits am Freitag im Alter von 83 Jahren, wie die Deutsche Presse-Agentur gestern unter Berufung auf Asches Familie berichtet hat. Außer seinen Verdiensten um die Entwicklung der Holsten-Brauerei, an deren Spitze er mehr als 15 Jahre stand, engagierte Asche sich auch ehrenamtlich, unter anderem im World Wide Fund For Nature (WWF). Nicht zuletzt dafür wurde er 1993 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. »Wir trauern um Klaus Asche«, teilte die ZEIT-Stiftung gestern mit.
 
 
Kaffepause
 
 
Zu Besuch im Königreich

Monarchien sind bekanntlich staatliche Gebilde, in denen es Herrscher und Untertanen gibt. Und manchmal sehr genaue Auffassungen darüber, nach welchen Regeln und welcher Doktrin diese Welt funktionieren soll. Die Zuckermonarchie in St. Pauli hat sich ganz auf Süßes eingestellt. Nicht nur die Muffins, Cake Pops, Macarons und Kuchen hinter Glas sind süß, das ganze Café – auf mehreren Ebenen über Holztreppen verbunden – kommt in pastellfarben-rosa-goldenem Ambiente daher. Aus den Boxen strömt flauschige Wohlfühlmusik, und auf Wandbildern steht »Believe in yourself« und »Do what makes you happy« geschrieben. Kuchen und Kaffee wird auf zartem Porzellan mit Goldrand serviert. Und auch der Möhrenkuchen (3,90 €) ähnelt einer saftig-zimtig-luftigen Wolke mit zartem Frischkäse – himmlisch! Nach dem Cappuccino (2,90 €) aber, dessen Kaffee aus der Rösterei Carroux aus Blankenese stammt, stellt sich unweigerlich ein Gefühl von Überfluss ein. Mit nur einem Schritt ist man zurück in der herben Graffiti-Stundenhotel-Klinker-Welt vor der Tür. Und findet sie sonderbar befreiend.

St. Pauli, Zuckermonarchie, Geöffnet Mittwoch bis Freitag von 11 bis 19 Uhr

Elisabeth Knoblauch
 
 
Was geht
 
 
 
»Tipps mit Energie: Läuft die Heizung effizient, braucht das Haus eine neue Dämmung? Experten beraten im Auftrag der Stadt kostenfrei und unabhängig zu energieeffizientem Bauen und Sanieren. Kids entdecken währenddessen die betreute Ausstellung »jahreszeitHAMBURG« oder füttern Schafe.
Gut Karlshöhe, Gläsernes Energiehaus, Karlshöhe 60 d, 13 bis 18 Uhr, Eintritt frei, Anmeldung unter 040/35 90 58 22
»Kinderkino im Heu: Wendy trifft das Pferd Dixie, das vor Metzger Röttgers geflohen ist. Klingt nach dem Beginn einer wunderbaren Freundschaft – zu sehen in »Wendy - Der Film« für Kids ab 0 Jahren.
Koralle Lichtspielhaus, Kattjahren 1, 14.45 Uhr, ab 5,50 Euro
»Heavy-Metal-Giganten: Ihre Namen klingen nach Jungsfantasien: Powerwolf und Epica touren gemeinsam durch Deutschland. Sie versprechen »verrückte Nächte voll des Metal-Wahnsinns«. Die dunkle Macht sei mit ihnen.
Mehr! Theater am Großmarkt, Banksstraße 28, 19 Uhr, 36,25 Euro
 
 
 
 
 
 
 
Hamburger Schnack
 
 
Ein Wiedersehen im Fitnessstudio. Man tauscht sich aus. Ob sie im Urlaub gewesen sei, will er wissen. »Ja, zweimal«, antwortet sie und präzisiert: »Einmal in Spanien und einmal in Andalusien.«

Gehört von Ulrike Dürkes
 
 
 
 
Meine Stadt
 
 
 
 
Jetzt sind wir doch schon gespannt, welche Gefahr sich hier wohl verbirgt.
Foto: Christian Kusenbach
 

SCHLUSS

Da übernimmt man gerade erst den ehrenvollen Posten des Kultursenators und wird sogleich mit einem falschen Namen bedacht. Richtig heißt der neue Chef der Kulturbehörde, wie besonders aufmerksamen Lesern natürlich schnell aufgefallen ist: Carsten Brosda (und nicht etwa Carl, wie wir am Montag an einer Stelle schrieben, ganz sicher auch nicht Christian, Claas oder Christoph…). Entschuldigung!

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!
 
Ihre
Annika Lasarzik
 
 
PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.
 
 
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