Gewinnerinnen und Fast-Gewinnerinnen: Sonderausgabe zum Finale der Exzellenzstrategie

 
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Liebe Leserinnen und Leser,
die Wettbüros sind geschlossen, die Partys laufen noch. Bei den elf Universitäten, die im Exzellenzwettbewerb als Siegerinnen auserkoren wurden – und auch bei denen ohne Krönchen. Dabei sein ist angeblich alles, oder? – In unserer Sonderausgabe: Alles über die Gewinnerinnen und Fast-Gewinnerinnen (Das ist wichtig), ein Standpunkt von Anna-Lena Scholz, die Wettergebnisse der ZEIT-Redaktion – und ein Einblick in unsere investigative ExStra-Recherche (c.t.).
   
 
 
 
 
Das ist wichtig
 
 
   
 
  
Die Gewinnerinnen

Elf Universitäten wurden ausgewählt: Vier aus Baden-Württemberg, zwei aus NRW, zwei aus Bayern – sowie Berlin, Hamburg, Dresden. Im Einzelnen:

Berlin University Alliance – Die drei Berliner Universitäten (HUFUTU) und die Charité wollten die These von DFG-Präsident Peter Strohschneider, Verbundanträge seien wohl eher eine zaghafte "Risikovermeidungsstrategie" (ZEIT 48/2016), ganz offensichtlich widerlegen. Volles Risiko, voller Erfolg, vor allem aber: volle Teamarbeit. Kein anderer Standort hat so emphatisch und sichtbar die eigenen Eitelkeiten weggeschlossen und stattdessen auf Zusammenarbeit gesetzt. Der Erfolg ist auch ein Erfolg des Berliner Regierendem Michael Müller – er hat Wissenschaft zur Chefsache gemacht.
 
Universität Hamburg – Den Hamburgern klebte lange Jahre ein Ruf des Mittelmäßigen an. Davon hat sich die Universität nun befreit – und wurde mit dem Elite-Titel belohnt. Ein Erfolg für Dieter Lenzen, der gemeinsam mit dem Aachener Rektor Ulrich Rüdiger den Titel "Mr. Exzellenz" verdient hat. Lenzen führte bereits die Berliner FU vor Jahren in die Exzellenzriege. Zum 100. Geburtstag der Universität gab es jetzt vier Cluster und eine Krone.
 
TU Dresden ­– Diese Uni ist wirklich ein Leuchtturm, und zwar für die gesamten neuen Bundesländer (nur in Jena gibt es noch ein Cluster). Die TU Dresden hat ein starkes Forschungsprofil entwickelt, aber dank Rektor Hans Müller-Steinhagen auch politische Kontur in einer aufgewühlten Stadt gewonnen. Eine Uni, die sich als gesellschaftliche Akteurin ihrer Stadt versteht – und menschlich wie wissenschaftlich leuchtet.
 
LMU München und TU München – Zwei Unis, vier gemeinsame Cluster, kein Verbund. Das mutet bis heute noch etwas verkrampft an. Der Einzelkampf in Nachbarschaft hat aber trotzdem funktioniert, was kaum überrascht: Die beiden Münchner Universitäten (und ihre Rektoren Huber & Herrmann) sind Exzellenz-Veteranen, sie tragen den Titel seit der ersten Wettbewerbsrunde 2006, als aus München zwei der damals bloß drei Elite-Hochschulen kamen.
 
RWTH Aachen – Zu den Gretchenfragen der Exzellenz gehört jene: Wer verantwortet ihren Erfolg? Die Forscherinnen und Forscher, klar. Aber Führungspersonen mit Visionen dürften auch eine entscheidende Rolle spielen. Ulrich Rüdiger jedenfalls, seit 2018 Rektor in Aachen, hat zuvor auch schon die kleine Konstanzer Uni zur Elite-Uni gemacht. Dass es zwei Rektoren geschafft haben, zwei verschiedene Unis in die Exzellenzriege zu bringen, zeigt auch, wie sich der ganze Sektor professionalisiert hat – und dass Wechsel von einer Spitze an die andere normaler werden. 
 
Universität Bonn – Sechs Cluster (vier eigene, zwei geteilte), so viele hat in der ersten Förderlinie keine andere Universität eingeworben. Das war ein Überraschungserfolg, weil die Bonner, mit ihrer starken geisteswissenschaftlichen Tradition, mit dem Exzellenzgedanken lange gehadert haben. Nicht zuletzt, weil die vielen weiteren Unis in NRW eher schwach abgeschnitten haben, leuchtet das gelbe Schloss nun umso mehr.
 
Universität Heidelberg – Die älteste Uni Deutschlands zu sein, ist auch eine Bürde: Heidelberg ist nicht nur eine global bekannte Marke und gilt als deutsche Uni-Stadt schlechthin. Auch die Erwartungen, weltweit in der ersten Liga mitzuspielen, sind immens. 1386 gegründet, 2019 exzellent – zum dritten Mal. Mit dem dritten Stern in Folge macht Heidelberg die Scharte der allerersten Elite-Runde wett, als zweimal München und Karlsruhe ausgezeichnet wurden. Auf die Frage, was wäre, wenn Heidelberg nicht dabei sei, hatte der damalige Rektor Peter Hommelhoff der ZEIT (47/2005) gesagt: "Das wäre schlimm. Sehr schlimm. Das wäre der GAU."
 
Karlsruhe Institut für Technologie – Der Name soll Programm sein: KIT, da soll man bitteschön denken ans amerikanische MIT. In Förderlinie I hatten die Karlsruher eher enttäuscht und nur zwei Kooperationscluster eingeworben; zum Exzellenz-Status in Förderlinie II hat es aber dennoch gereicht. Am KIT dürfte die Elite-Nachricht mit besonderer Erleichterung aufgenommen worden sein, denn die Hochschule ist ein Wiederaufsteiger. Karlsruhe wurde schon in der allerersten Exzellenzrunde neben den beiden Münchner Hochschulen ausgezeichnet und verlor 2012 den Elite-Titel. Anders als Freiburg gewann Karlsruhe nun den Titel wieder zurück.
 
Universität Konstanz – Die Uni ist klein, sehr klein. 11.000 Studierende, 200 Professoren – bekannt besonders für ihre Geisteswissenschaften. 13 Jahre gab es Exzellenzmittel für ein Cluster zur Integration; die neuen Cluster befassen sich mit Ungleichheit und kollektivem Verhalten. Die Uni ist die jüngste Elite-Hochschule, sie wurde erst in den 1960er Jahren gegründet. In der Gründungskommission saß Ralf Dahrendorf, später Chef der London School of Economics; er wäre in diesem Jahr 90 geworden – über den neuerlichen Konstanzer Erfolg hätte er sich sicher gefreut.
 
Universität Tübingen – Über 500 Jahre ist die Universität Tübingen alt, seit 2012 hat sie den Elite-Status. Uni und Stadt haben sich in den vergangenen Jahren rasant entwickelt. “Cyber Valley” heißt das Zauberwort. Vier von elf Exzellenzstandorten liegen in Baden-Württemberg – die grün-schwarze Landesregierung kann das sehr freuen, Koalition in München darf sich ärgern: In ganz Bayern gibt es nur zwei Elite-Standorte.  
  
 
 
Die Fast-Gewinnerinnen
 
Und was ist mit den Fast-Gewinnerinnen – den Universitäten Bochum, Braunschweig, Freiburg, Kiel, Köln, Münster, Stuttgart und der Verbundbewerbung aus Hannover? Sie sind weit gekommen, dürften nun aber trotzdem trauern. Die alte Fußballer-Weisheit "Nichts ist scheißer als Platz 2" wird heute Abend auch zum Wissenschaftler-Bonmot. Es heißt aber, es habe zwischen Experten und Politik große Einigkeit (und sodann: Einstimmigkeit) gegeben, welche elf Unis eine Förderempfehlung, welche 8 keine ebensolche kriegen. +++ Dass Hannover, Braunschweig und Kiel rausgeflogen sind, ist für den Norden bitter: Hier strahlt nur Hamburg. Vor allem der Hannoveraner Verbund zwischen Universität und Medizinischer Hochschule zeigt im Vergleich zu den Berlinern: Verbund geht nur mit Wumms. +++ Dass drei der fünf NRW-Kandidaten gescheitert sind, muss besonders NRW-Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen (parteilos) zu denken geben. Die neue Batteriefabrik in Münster und Anja Karliczeks Heimat Ibbenbüren dürfte weder das Land noch die stolze Münsteraner Academia trösten. Unglücklich sind wohl auch all jene, die von einem Exzellenzdreieck ABC (Aachen-Bonn-Cologne) geträumt hatten – Kölns Rektor Axel Freimuth vor allem, der in den vergangenen Monaten auch für höheres gehandelt wurde. +++ Stuttgart (deren Ausscheiden der CDU-Bildungspolitiker Stefan Kaufmann schon um 16:02 Uhr in einer Pressemitteilung bedauerte) und Freiburg zahlen den Preis für den Erfolg ihres eigenen Bundeslandes: Noch mehr Unis aus dem Südwesten wären politisch kaum vorstellbar gewesen. 
  
   
   
   
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Die Zahl
 
 
   
 
   
148 Millionen Euro
Jährliche Fördersumme für elf Exzellenz-Universitäten.
Die 57 Exzellenzcluster erhalten insgesamt 385 Millionen Euro pro Jahr.
Das Geld kommt zu 75 Prozent vom Bund, zu 25 Prozent von den Ländern.
   
 
   
Quelle: BMBF
   
 
 
   
 
 
   
 
 
   
 
 
 
 
Standpunkt
 
 
   
von Anna-Lena Scholz
   
 
   
Ein politisches Projekt
Was ist eine exzellente Universität? Die mit dem Siegel, jedenfalls in Deutschland. Jene Universitäten, die in einem mehrjährigen Wettbewerbsverfahren gegeneinander angetreten sind und in bücherlangen Anträgen zeigen mussten, wer sie sind und was sie können. Ein internationales Expertengremium sowie Vertreter von Bund und Ländern haben jetzt, nach Monaten der Begutachtung und Analyse, abgestimmt, wer diese elf Exzellenz-Unis sind: Das sind im Süden die LMU München und TU München sowie die Universitäten Heidelberg, Tübingen, Konstanz, Karlsruhe. Im Westen die RWTH Aachen und die Uni Bonn; im Norden nur die Uni Hamburg; im Osten die TU Dresden sowie der Verbund der drei Berliner Universitäten (HU, FU, TU, plus Charité).
Der Exzellenzwettbewerb aber verrät nicht nur etwas über die Qualität dieser Universitäten. Er wirft auch die Frage auf: Wer gestaltet eigentlich die Universitätslandschaft in Deutschland? Wer ist verantwortlich für Erfolg und Misserfolg deutscher Wissenschaft?
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft und der Wissenschaftsrat, die das Auswahlverfahren leiteten, haben immer wieder betont, dass es ausschließlich um wissenschaftliche Kriterien geht. Das stimmt aber nur halb. Tatsächlich ist der Exzellenzwettbewerb ein genuin politisches Projekt. Nicht nur, weil er Anfang des Jahrtausends von Edelgard Bulmahn erdacht wurde, der Bundesforschungsministerin im Kabinett Schröder. Sondern weil das heutige Ergebnis zeigt, dass wissenschaftspolitisches Engagement den Erfolg der Universitäten sichtbar beeinflusst hat. 
Gewonnen haben die Standorte mit einer selbstbewussten Wissenschaftspolitik. Bundesländer, deren Wissenschaftsminister das Exzellenz-Projekt ausdauernd begleitet, die mit den Forscherinnen mitgefiebert und die Strategien ihrer Universitäten unterstützt haben, finanziell wie persönlich: Theresia Bauer (Grüne) in Baden-Württemberg – vier Exzellenzunis, mehr als jedes andere Bundesland. Katharina Fegebank (Grüne) in Hamburg – eine Universität, die lange als mittelmäßig galt, was der Wissenschaftssenatorin nicht ausreichte. Und dann ist da noch Michael Müller (SPD), Regierender Bürgermeister von Berlin, der den Verbundantrag der Berliner Unis mit der Charité zur Chefsache erklärt hat. Kein anderes Bundesland hat zuletzt so viel Geld in Wissenschaft und Forschung investiert wie Berlin, hat so dafür gekämpft, die Universitäten als das sichtbar zu machen, was sie sind, dort wie überall: Herzkammern einer Stadt. Nordrhein-Westfalen, das Bundesland mit den meisten Hochschulen und – eigentlich – so viel intellektueller Kraft, fällt dagegen ab. Fünf Bewerbungen gab es, nur zwei Unis waren erfolgreich. 
Die Themen Bildung und Wissenschaft sind wunderbar sonntagsredentauglich. Im harten politischen Geschäft aber gelten diese Ressorts oft wenig. Zu viele Wissenschaftsministerien geben sich damit zufrieden, statt das große Rad zu drehen. Die ambitionierten Regionen haben die Exzellenzidee genutzt, all die Spannung und das Konfetti dieses Wettbewerbs – um eines zu beweisen: Dass Wissenschaftspolitik harte Zukunftspolitik ist.

Dieser Kommentar erscheint heute auch auf ZEIT ONLINE
   
 
   
 
   
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Diese Woche in der ZEIT
 
 
   
Eure Exzellenz Vor 15 Jahren zogen die Universitäten erstmals in einen Elite-Wettbewerb. Jetzt wird entschieden, wer die Krone dauerhaft tragen darf. Was bringt das Ganze eigentlich?

Nicht ablenken lassen! Handys gehören an die Schule, schrieb der Bildungsforscher Klaus Hurrelmann vergangene Woche. Ihm widerspricht der Augsburger Erziehungswissenshcaftler Klaus Zierer Mein Name ist Fatima Wie es einem in Schule und Beruf ergeht, wenn man Fatima heißt. Und gar keine muslimischen Wurzeln hat Ein Au-pair? Nein, ein Panda! Eine Kinderbetreuung muss her. Rudi Novotny nimmt, was vor der Tür steht

Zur aktuellen Ausgabe
   
 
 
   
 
 
   
 
 
 
 
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Investigative ExStra-Recherche – man muss nur das Ausdeuten von Emojis beherrschen...

Quelle: Handy eines ZEIT-Redaktionsmitglieds
 
 
 
 
 
   
In der ZEIT-Redaktion wurde übrigens gewettet, welche Unis die Exzellenztitel bekommen. Die Wette gewann CHANCEN-Redakteurin Anna-Lena Scholz (10 Richtige). Sie verwies die Ressortleiter Manuel Hartung und Andreas Sentker auf die Plätze (9 Richtige). Bei wem wir daneben lagen, bleibt vertraulich!

Exzellent gestimmt: 


Ihr CHANCEN-Team

Achtung – Atempause! Wir wechseln in der vorlesungsfreien Zeit in einen wöchentlichen Turnus; der CHANCEN Brief erscheint in den kommenden Wochen nur donnerstags. Wir wünschen Ihnen einen goldenen Sommer!

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