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• Klimawandel: Mehr Druck, mehr Verbote
• "Aufräumen mit Marie Kondo": Die Seele des Materialisten wohnt in seinen Dingen
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Klimawandel
 
 
Klimawandel
Mehr Druck, mehr Verbote!
 
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Die Seele des Materialisten wohnt in seinen Dingen
 
In der neuen Netflix-Serie "Aufräumen mit Marie Kondo" entrümpelt die Kaiserin japanischer Ordnungsliteratur die Häuser kalifornischer Paare – und unser aller Leben.
 
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10 nach 8 und Kiyaks Deutschstunde
 
10 nach 8: "Colette"
Kiyaks Deutschstunde: Neujahrsansprache
 
Die Frau wird immer über den Mann erzählt
 
Astrid Lindgren, Paula Modersohn-Becker und nun Colette: Wieder konzentriert sich eine Filmbiografie über eine berühmte Frau vor allem auf deren Liebesleben.
Das Olle von Zwoachtzehn
 
Der Auftritt der Kanzlerin nach einem Jahr allgemeiner politischer Niedertracht verfolgte bloß ein Ziel: das fehlerfreie Ablesen eines Texts von gestern.
 
10 nach 8: "Colette"
 
Kiyaks Deutschstunde: Neujahrsansprache
 
   
 
 
 
 
 
 
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10 nach 8: Annabelle Hirsch über "Colette"

 
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02.01.2019
 
 
 
 
10 nach 8


Die Frau wird immer über den Mann erzählt
 
Astrid Lindgren, Paula Modersohn-Becker und nun Colette: Wieder konzentriert sich eine Filmbiografie über eine berühmte Frau vor allem auf deren Liebesleben.
VON ANNABELLE HIRSCH

Colette (Keira Knightley) und ihr erster Ehemann Willy (Dominic West) in der Verfilmung von Wash Westmoreland © DCM
 
Colette (Keira Knightley) und ihr erster Ehemann Willy (Dominic West) in der Verfilmung von Wash Westmoreland © DCM
 
 

In Frankreich ist Sidonie-Gabrielle Colette so etwas wie ein Nationalheiligtum. Die Schriftstellerin gehört zu den wenigen Frauen, nach denen in Paris nicht nur eine Straße, sondern der Platz direkt vor der Comédie-Française benannt wurde. Colette ist auch jene Frau, die Simone de Beauvoir in Le deuxième sexe (Das andere Geschlecht) am häufigsten zitierte und die erste, die in Frankreich ein Staatsbegräbnis bekam.

Als sie im August 1954 starb, strömten die Menschen zu ihrem Sarg im Hof des Palais Royal, um sich von ihr zu verabschieden. Weil sie so wichtig für sie gewesen war. Für die Frauen, weil sie ihnen eine neue Stimme und ein neues Selbstbewusstsein gegeben hatte, aber eben auch für alle anderen. Für alle, die anders waren und durch die Lektüre ihrer Romane vermittelt bekamen, dass es okay war, anders zu sein.

Colette war selbst ganz anders als die meisten Frauen und auch die meisten Männer ihrer Zeit. Sie hatte sich zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts Freiheiten herausgenommen, die sich sonst nur wenige herausnahmen. Sie schrieb Dinge und Gedanken auf, die sich Frauen bis dahin höchstens ganz leise beim Nasepudern zugeflüstert hatten. Und brach damit Türen auf, die man danach nicht mehr so einfach zuschlagen konnte. Sie schrieb Romane, die man in Frankreich als junges Mädchen liest, deren frivoles Genie man aber erst viel später versteht.

Der Film Colette von Wash Westmoreland (Z – The Beginning of Everything, Still Alice – Mein Leben ohne gestern), der nun in Deutschland anläuft, kann all dies kaum vermitteln. Zwar wird mehrmals gezeigt, wie Keira Knightley als Colette ganz wild inspiriert irgendwas in ihr Heftchen schreibt. Auch wird immer wieder der erste Satz aus Claudine in der Schule zitiert: "Mein Name ist Claudine, ich lebe in Montigny; ich wurde 1884 dort geboren; hier werde ich aller Voraussicht nach nicht sterben." Darüber hinaus lernt man über Colettes künstlerisches Werk: nichts. Wenn man vorher nichts von ihr gelesen hat, wird man auch nach diesem Film nicht wissen, weshalb ihre Claudine-Bücher im Paris des Jahres 1900 für solche Begeisterung sorgten; wird nicht verstehen, weshalb in den Folgejahren eine regelrechte Claudine-Hysterie ausbrach.

Zwar legt man ihrer Liebhaberin Missy in den Mund, Colette habe ein "neues Frauengenre" erfunden, nur bedeutet das in diesem Film nicht viel mehr als dass Frauen ihre Haare nun als Bob tragen und alte Herren in Schulmädchenkleidung verführen. Warum Colette vielen jungen Frauen ein Vorbild war, nämlich weil ihre Sprache frech und mutig, aber auch naiv und verträumt und vor allem vollkommen ungekünstelt war, das erklärt der Film nicht. Dem Genie und besonders dem Witz dieser Frau kommt Westmoreland nicht auf die Spur. Denn dafür geht es, wie in fast allen Biopics über Frauen, zu sehr um etwas ganz anderes: nämlich die Liebe.

Nichts gegen die Liebe, Liebe ist toll und natürlich spielt sie im Leben jeder Frau wie auch eines jeden Mannes eine große Rolle, nur erzählt man die Lebens- und Schaffensgeschichten von Männern ja auch nicht um deren Ehefrauen herum. Man zeigt, was sie gemacht und was sie gedacht haben, man zeigt sie als Helden ihrer Zeit und ihrer Zunft. Ganz anders verhält es sich hingegen bei den Biopics über berühmte Frauen. Es scheint fast so, als interessiere man sich, vor allem in letzter Zeit, wo das Genre geradezu explodiert, weniger für die einzelne Frau als für ihre Beispielhaftigkeit. Die Frau wird zum Symbol der Emanzipation. Dass die Person, die Frau hinter dieser Ambition meist vollkommen verblasst, ist offensichtlich egal.

Bei Colette hat sich der Regisseur und Drehbuchautor Westmoreland die bekannteste und wichtigste Beziehung in Colettes Leben, die zu ihrem ersten Ehemann Willy, herausgepickt. An ihr, so muss er sich gedacht haben, lässt sich die Entwicklung vom naiven, gutmütigen Mädchen zur Frau, die sich nimmt was ihr gehört, am besten erzählen, schließlich betrog Willy sie bekanntlich schon kurz nach der Hochzeit und veröffentlichte Colettes Debüts, die Claudine-Reihe, (mit ihrem Einverständnis) unter seinem eigenen Namen.

Dass Colette die Affären ihres Ehemannes im wahren Leben viel cooler nahm als es eine Eifersuchtsszene im Film zeigt und sich sogar mit ihren Konkurrentinnen anfreundete, vor allem aber, dass in Paris jeder wusste, dass sie die wahre Autorin der Claudine-Bücher war, weil Willy daraus gar keinen Hehl machte und sie sich nicht erst mit ihrer Geliebten selbst behauptete, das erklärt die Verfilmung nicht. Es würde die Geschichte, die den Weg von "Unterdrückung" zu "Freiheit" ganz sauber und linear abzeichnen möchte, wohl unnötig komplex machen. Und komplex darf es in Frauen-Geschichten nicht sein.

Unterhaltsam, nett und hübsch – so war Colette eben nicht

Colette reiht sich mit dieser überkonventionellen Erzählung ein in eine Reihe anderer Biopics der letzten Jahre ein: Paula über Paula Modersohn-Becker, Coco Chanel. Der Beginn einer Leidenschaft über die französische Modeschöpferin, Königin der Wüste über die Abenteuerin Gertrude Bell oder zuletzt Astrid über die Jugendjahre von Astrid Lindgren. All diese Filme folgen einer ähnlichen Erzählstruktur: Hübsches junges Mädchen lernt einen Mann kennen, verliebt sich, erlebt durch ihn ihre erste Enttäuschung, beschließt, sich das nicht gefallen zu lassen, kanalisiert die Wut in ihre Kunst und wie durch ein Wunder entsteht dabei etwas Grandioses. Der Ausgangspunkt für das weibliche Werk, überhaupt für das Leben dieser Frauen, ist in diesen unerhört konventionellen Erzählungen fast immer der Mann, von dem sich die Heldin dann befreit. Bei Modersohn-Becker zum Beispiel ist es ihr Otto: Weil der nicht mit ihr schlafen will, verschwindet Paula nach Paris. Es ist nicht die Kunstmetropole, die sie reizt, nein, es ist das Verhalten ihres Mannes, das sie aus Worpswede vertreibt.

Bei Coco Chanel, so stellt es die Regisseurin Anne Fontaine dar, kommt die Idee zum eigenen Hutgeschäft, das später zum Hause Chanel wird, erst dadurch auf, dass Boy Capel sie nicht heiraten kann. Und Gertrude Bell, die immerhin Ende des 19. Jahrhunderts ganz allein durch die Wüsten des Nahen Ostens streifte, soll, so versteht man das bei Werner Herzog, dieses sehr spezielle Leben primär deshalb aufgenommen haben, weil ihr Verlobter verfrüht starb.

Auch was man diesen Frauen in den Mund legt, ist teilweise haarsträubend. Nicole Kidman, die Getrude Bell spielt, muss zum Beispiel am Ende des Films sagen: "Ich bin nur eine Frau, die ihren Mann vermisst." Dass diese Frau da gerade als einzige weibliche Diplomatin mit 39 Männern, darunter Winston Churchill, auf der Kairo-Konferenz 1921 über die Zukunft des Iraks debattiert, tut nichts zur Sache. Denn sie ist eben nur eine Frau, und die braucht einen Mann.

Zum Glück gibt es auch Gegenbeispiele. In dem gerade erschienenen Film Mary Shelley von Haifa Al Mansour zeigt Elle Fanning die Emanzipation der Frankenstein-Autorin wirklich als eine glaubwürdige Entwicklung. Weil sie zeigt, dass die wahre Emanzipation für eine Künstlerin nicht die von einem Mann, sondern von den gesellschaftlichen Konventionen ist.

In Colette ist man von solchen Überlegungen weit entfernt. Alles bleibt oberflächlich und in weiten Teilen sehr gewollt. Der Film ist durchaus unterhaltsam, nett und ganz hübsch. Wäre Colette selbst so nett und hübsch und unterkomplex gewesen, man würde sich heute sicher nicht mehr an sie erinnern. Und kein Platz in Paris würde ihren Namen tragen.

"Colette" läuft ab 3. Januar in den deutschen Kinos.

Annabelle Hirsch, geboren 1986, ist Deutschfranzösin und lebt als freie Autorin in Paris. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". 


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10 nach 8
 
Frauen schreiben jetzt auch abends. Montags, mittwochs, freitags. Immer um 10 nach 8. Wir, die Redaktion von 10 nach 8, sind ein vielseitiges und wandelbares Autorinnen-Kollektiv. Wir finden, dass unsere Gesellschaft mehr weibliche Stimmen in der Öffentlichkeit braucht. 

Wir denken, dass diese Stimmen divers sein sollten. Wir vertreten keine Ideologie und sind nicht einer Meinung. Aber wir halten Feminismus für wichtig, weil Gerechtigkeit in der Gesellschaft uns alle angeht. Wir möchten uns mit unseren LeserInnen austauschen. Und mit unseren Gastautorinnen. Auf dieser Seite sammeln wir alle Texte, die 10 nach 8 erscheinen.

Kiyaks Deutschstunde: Das Olle von Zwoachtzehn

 
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Kiyaks Deutschstunde
02.01.2019
 
 
 
 
Was meinen Politiker, wenn sie sagen, was sie sagen? Und: Was meinen sie wirklich? Mely Kiyak sagt’s Ihnen!


Das Olle von Zwoachtzehn
 
Der Auftritt der Kanzlerin nach einem Jahr allgemeiner politischer Niedertracht verfolgte bloß ein Ziel: das fehlerfreie Ablesen eines Texts von gestern.
VON MELY KIYAK


Entschuldigung, aber man möchte sofort den Namen der Redenschreiber wissen, die diese alles in allem rhetorische, politische, ästhetische und mediale Vollkatastrophe namens "Neujahrsansprache der Kanzlerin" verantworten. In der Regel handelt es sich bei den Redenschreibern deutscher Spitzenpolitiker um einen Mix aus ehemaligen Journalisten und Referenten. Einige sind einem branchenbedingt namentlich natürlich bekannt. Aber nie traut man sich ihre Namen zu nennen, weil man sich in der Rechtslage nicht auskennt. Wird man mit einer Millionenklage überrollt, wenn man, wie bei Biografen berühmter Prominenter, den Ghostwriter bekannt gibt?
 
Redenschreiber sind häufig Autoren, deren Talent im Angepasstsein liegt. Niemand holt sich geniale Schreiber ins politische Haus, denn spitzfindige und gelehrte Autoren sind niemals gut im Harmonieren, sondern besser im Querulieren. Das muss so sein. Entweder schreibt man einen ehrlichen Text oder man verfasst eine Rede, die möglichst viele Wähler anspricht und einen Querschnitt der Interessen bedient. Abgesehen davon gibt es in Deutschland, anders als in Amerika oder Großbritannien, keinen Politikerehrgeiz, durch Reden zu glänzen. Würde man in Deutschland Wert darauf legen, rhetorisch exzellent aufzufallen, wäre das Erste, das man im System Reden-schreiben-in-der-Politik aufgeben müsste, die Praxis, sich ehemalige Politikredakteure ins Amt einzuladen.
 
Und da man schon einmal dabei ist, das neue Jahr schonungslos ehrlich zu beginnen, weil man sich gegenseitig geschworen hat, immer aufrichtig zueinander zu sein: Warum ist die neue Das Erste Mediathek eigentlich so ein sagenhaftes Desaster? Wie kann es sein, dass egal welches Video man in der nagelneuen öffentlich-rechtlichen ARD-Mediathek anklickt, das ruckelfreie Abspielen eines Videos vollkommen unmöglich ist? Jede Autofahrt auf einem Trampelpfad in der Peripherie Bulgariens oder Rumäniens verläuft geschmeidiger als die sechseinhalbminütige Neujahrsansprache der deutschen Bundeskanzlerin.
 
Es buffert und buffert
 
Ja, ja, die Internetverbindung, werden jetzt die Verantwortlichen sagen. Klickt man die Seite an, steht man wie vor einem Memoryspiel mit abgedeckten Karten. Nach und nach laden sich die Vorschaubilder und zeigen das Bild. Boah, Deutschland! Da sitzt man also und sieht die Kanzlerin über das "schwierige, politische Jahr" referieren, über "die Schicksalsfrage des Klimawandels" und die "Steuerung und Ordnung der Migration" sprechen, und der Text wäre auch in einer technisch einwandfreien Version eine körperliche und geistige Qual, aber weil das Video buffert und buffert, dauert es eine Ewigkeit, bis man den ganzen Schlonzes überstanden hat.
 
"Das Ringen um die besten Lösungen", "Die Lehre aus den zwei Weltkriegen und des vergangenen Jahrhunderts", mannomannomann! Das gab es in der Geschichte der Neujahrsansprachen durchaus einige Male. Dass nämlich die falschen Bänder eingelegt und eine alte statt einer neuen Ansprache gesendet wurde. Wie kann es sein, dass eine Rede nicht einen einzigen Satz erhält, der nicht schon einmal genau so gesprochen oder gemeint wurde? Man schaut, ob diese Version wirklich neu oder schon sehr alt ist, weil sie wie ein aufgewärmter Erbseneintopf aus der berühmten THW-Kanone schmeckt, wo die Suppen immer auch ein wenig von dem Aroma des Gulaschs aus dem vorigen Notfalleinsatz enthalten.
 
Dann entdeckt man den neuen Lieblingssatz der Kanzlerin: "Wir alle stehen in der Zeit." In der Verlagswelt gibt es für so etwas den Lektor, der dann daneben schreibt "is' wahr?", und man müsste sich den Satz erneut vorknöpfen, aber wir sind hier in der Welt der Redenschreiber. Da meint man, es wäre ein Kracher die Kanzlerin diesen Satz sprechen zu lassen, weil man damit schon einmal gute Erfahrungen machte. Bei Merkels CDU-Bundesparteitagsrede vom Dezember. Hier und da fanden nämlich einige Kommentatoren, dass "in der Zeit stehen" ein poetischer Knüller sei, und weil es für diese Rede zu Recht viel Lob gab, warum nicht einfach wiederholen? Warum nicht einfach alles wiederholen? Die Begeisterung für Alexander Gerst kam doch auch super an.
 
War das dieser eine subversive Moment?
 
Und so füllen sich die Sendeminuten mit dem ollen Gulasch von Zwoachtzehn, denn man will natürlich nicht die Wahrheit sagen über dieses Land und sein Volk. Dass es nervlich am Limit ist. Da steht also die Kanzlerin in diesem überaus schicken, silbernen, maßgeschneiderten Jackett, mit dem sehr adretten Revers, steht so was von nicht in der Zeit und spricht in Floskeln. Es ist, als hätte jemand einen vollen Flakon Angel von Mugler oder Sun von Jil Sander gesprüht, und die vermeintlich massentauglichen Sätze setzen sich in der Luft fest – man kippt ohnmächtig zur Seite weg. Man hatte es irgendwie frischer in Erinnerung.
 
Soll man noch die Kameraeinstellung kommentieren? Weil das Publikum nicht gewöhnt ist, sechseinhalb Minuten einem Menschen beim Reden zuzuhören, wird die Kamera bedeutungsvoll an Merkels Körper heran- und wieder weggezoomt. Demokratie lebe davon, dass Staatsdiener sich fragen und prüfen (die "Staatsdienerin"! Auch so ein verzweifelter Versuch an den Erfolg anzuknüpfen, den sie mit dem Begriff hatte, als sie ihn bei der anderen, der guten Rede, verwendete). Sie habe das getan, also sich zu prüfen und zu hinterfragen, "ich habe das getan", die Kamera zoomt heran, weil sie "ich" sagt. Außerdem ist völlig klar, dass im Teleprompter "lächeln" steht, denn nun lächelt sie, und man erschreckt sich zu Tode: Text und Mimik könnten nicht weiter auseinander sein als jetzt. Musste sie wirklich auch noch lächeln, um dieses "ich" optisch medial maximal aufzuwerten?
 
Braun statt grün
 
Später wird es kurz unangenehm. Da werden nämlich die "Mittel für die humanitäre Hilfe" erhöht. Die Kamera geht auf Distanz, zwischen Wahlvolk und Kanzlerin stehen nun wieder Tischplatte, Arbeitsmodus, Zweckgemeinschaft. Wenn schon das Konzept "Mehr Geld für Afrika" den Deutschen als nötige Maßnahme verkauft werden muss, dann ganz vorsichtig, von ganz weit weg. Und den Bildrand bitte nur so abschneiden, dass die Europafahne zur Not weg kann, aber niemals, wirklich niemals die schwarz-rot-goldene Fahne verlassen. Das ist der äußerste rechte Bildrand, da verläuft nämlich die alles entscheidende Grenze. Das ist jetzt zugegebenermaßen ein Kalauer, aber selbst Alexander Gersts Bilder aus dem Weltraum auf Deutschland und die Welt, die in die Ansprache hineingeschnitten werden, zeigen, dass es in diesem Sommer ungewöhnlich "braun statt grün aussah". Sagt die Kanzlerin, und man hofft, dass es dieser eine subversive Moment ist, nach dem man sich so sehnt. Doch man ahnt, dass man irrt.

Der Auftritt der Kanzlerin nach einem Jahr allgemeiner politischer Niedertracht in den Parlamenten und auch im politischen Untergrund, verfolgte bloß ein Ziel: das fehlerfreie Ablesen eines toten Textes. Ein Auftritt, dessen größte Herausforderung darin bestand, so zu tun, als spreche Angela Merkel frei und ohne Lesehilfe. Das Revers ihres Neujahrsjacketts aber – nicht dass das in der Kritik untergeht – war wirklich ausgesprochen zeitlos, schön und elegant.


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